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Essay
Wut, Zeit und Geld

Herausforderungen des Städtebaus unserer Tage

Die Geschichte unserer Gesellschaft lässt sich als eine der zunehmenden Demokratisierung lesen. Keinesfalls soll diese Entwicklung hier bedauert werden. Und trotzdem: sie macht viele Dinge nicht unbedingt einfacher. Im Stadium der Trennung von Volk und Souverän konnte der Herrscher Entscheidungen nach eigenem Gutdünken und auch gegen sein Volk durchsetzen. Deren Sinn oder Unsinn stand bei diesem Verfahren zumindest öffentlich einfach nicht zur Debatte. Wenn dagegen Volk und Souverän theoretisch verschmelzen, wird die Sache komplizierter. Dieses Konstrukt bedarf der Gedankenfigur einer Mehrheit, der es gelingt, eine Minderheit zu überstimmen. Innerhalb der repräsentativen Demokratie artikuliert sich erstere durch gewählte Stellvertreter. Damit ermöglicht dieses System auch sogenannte unpopuläre Entscheidungen, wie sie in jüngster Vergangenheit vermehrt Proteste nach sich ziehen.

Konzepte direkterer Demokratien liegen nicht erst vor, seit Schlagworte wie Liquid Democracy oder Liquid Feedback kursieren, werden allerdings häufig als zu kompliziert, zu unübersichtlich oder sonstwie nicht handhabbar empfunden. Begreift man jedoch die fortschreitende Demokratisierung der Gesellschaft als unumkehrbaren Prozess, erscheint die Einführung der entsprechenden Elemente als unumgänglich. Direkte Entscheidungsformen müssen dann allmählich in die politischen Strukturen und repräsentativen Abläufe integriert werden. Zwar bleibt das Ideal eines unwidersprochenen Konsenses weiterhin utopisch und auch in Zukunft werden Situationen nicht ausbleiben, in denen sich der Souverän Volk sozusagen gegen sich selbst stellt, denn abgesehen von gestiegenen Mitspracherechten ist es einfach nicht wahrscheinlich, dass in jeder Frage allgemeine Zustimmung erreicht werden kann. Unabhängig von der reflexhaften Betonung der Politik, es brauche mehr Mitsprache, wird eine repräsentative Demokratie vermutlich immer dazu neigen, die Zahl großer Konflikte zu minimieren.
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Prof. Dipl.-Ing. Andreas Hild (*1961) studierte Architektur an der ETH Zürich und der TU München. 1992 gründete er zusammen mit Tillmann Kaltwasser das Büro Hild und Kaltwasser Architekten – seit 1999 in Partnerschaft mit Dionys Ottl Hild und K Architekten. Nach verschiedenen Lehraufträge und Gastprofessuren wurde Hild auf die Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München berufen. Andreas Hild ist Mitglied des Redaktionsbeirats der Zeitschrift der architekt, er lebt und arbeitet in München.

Verfasser / in:

Andreas Hild

Datum:

So. 25/05/2014

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Infobox

Der Artikel von Andreas Hild erschien am 24. April 2014 in der Zeitschrift der architekt, die vom Bund Deutscher Architekten BDA herausgegeben wird

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