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Graz-Gries_wie die Stadt Graz_gewachsene Stadtkultur zerstört

Schlimm genug, dass die Stadt Graz mit dem Bebauungsplanentwurf 05.39.0 einmal mehr den Weg für Innenhofeinbauten ebnen will, die nur über die üblichen Investorenpraktiken (aggressives Aufkaufen und Abriss von Altbestand) überhaupt umsetzbar sind. Schlimm genug, wie die Stadt einmal mehr ihren eigenen Zielvorgaben und Verordnungen zum Schutz von Innenhöfen, deren Grünbestands oder des charakteristischen Stadtbilds sogar in einer Altstadtschutzzone zuwiderhandelt. Schlimm genug, wie unser durch zwei Hochhäuser hochverdichtetes Viertel an seinen Rändern auf Teufel komm raus weiter aufgestockt und zugebaut werden soll. Was die Stadt nun jedoch mit dem dreistöckigen Wohnblockriegel quer durch unsere Gartenlandschaft zwischen Idlhofgasse, Kindermanngasse und Josef-Huber-Gasse plant, zielt auf die unwiederbringliche Zerstörung eines gewachsenen Ensembles ökologischer, kultureller und sozialer Diversität mitten in Graz.
Während in der Bürgerinformationsveranstaltung am 22. Juni wortreich „mehr Grün“ versprochen wurde, will man der so genannten „geordneten Stange“ samt Tiefgaragen nicht nur uralten Baumbestand opfern, sondern auch ein artenreiches Wildtierbiotop, zusammen mit Licht und Luft für die menschlichen Bewohner. Wenn zudem auch in der Kleinen Zeitung das „Herausbringen“ der bestehenden niedrigen Hofgemäuer forciert wird, verschweigt man, dass diese nicht nur Fledermäuse und Vögel beherbergen: Mit dem im Bebauungsplanentwurf fixierten ‚Idealzustand‘ setzt die Stadt bewusst auf die Vertreibung des Kunstvereins Roter Keil, einem Aktivposten der Grazer Kulturszene, aus seinen Ateliers und Veranstaltungsräumen in der Idlhofgasse. Ebenso rücksichtslos überplant werden der Gemeinschaftsgarten und die wunderschöne Loggia des Gottes- und Gemeindehauses, das die Grazer Baptisten mit weiteren Religionsgemeinschaften teilen. Vorausgesetzt werden weiters der Abzug des Islamischen Kulturzentrums in der Josef-Huber-Gasse, ganz zu schweigen vom Abriss diverser Gewerbe- und Nutzgebäude zwischen liebevoll gepflegten Gärten und begrünten Wänden: Verschwinden soll genau das, was die lt. Flächennutzungsplan anzustrebende Misch- und Kerngebietsnutzung ausmacht. Damit wird ein lebendiges nachbarschaftliches Miteinander migrantischer und nicht-migrantischer BewohnerInnen, verschiedener religiöser Gruppen, von Jung und Alt, handwerklichem Kleingewerbe, Kunst und Kultur ausgelöscht, das doch nicht nur guter Grazer Vorstadttradition entspricht, sondern überlebenswichtig für eine moderne Stadtgesellschaft mit ihren sozialen Problemlagen ist. Auf meine Fragen nach diesen Wertigkeiten und gewachsenen Qualitäten hieß es auf der Info-Veranstaltung, dass das, was für manche „charmant“ sei, doch keineswegs „dem Blick des Experten“ standhalten könne.
Über solche Arroganz staunt die betroffene Anwohnerin, die Stadt- und Kulturanthropologin wundert sich … längst nicht mehr. Denn was der vorliegende Bebauungsplanentwurf in seiner Absurdität auf die Spitze treibt, ist in Gries und Lend auf erschütternde Weise Programm: Man denke nur an die jüngsten Abrisse teils mehrhundertjähriger Altstadthäuser entlang der Karlauerstraße, denen noch mehr Wohnblöcke in uniformer Billigarchitektur folgen werden. Weitere tiefe Eingriffe stehen in der Lazarettgasse und Idlhofgasse bevor. Kommende Generationen werden kein Bild mehr davon haben, wie vorstädtische Grazer Baukultur einmal ausgesehen hat. Und: In gesichtslosen Wohn-Monokulturen gedeiht kein Wildwuchs, hier können keine Ideen und Initiativen wachsen. Wer trägt die Schäden für Natur und Mensch?
(Unveröffentlichter Leserbrief zum Artikel „Anrainer-Ärger über Hof-Verbauung“, Kleine Zeitung, 25.7.2021)

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