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Sitzmöbel von studio-itzo im Erdgeschoß des GrazMuseums: „Räume und deren mediale Erweiterungen entwickeln wir als Teile eines Systems.“
©: Bettina Landl

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Denkdinge

Dass die Gesellschaft auf komplexe Informationstechnologien angewiesen ist, um ihre konstitutiven Prozesse zu organisieren, ist als solches nichts Neues, sondern begann im späten 19. Jahrhundert. Dies steht in einem direkten Zusammenhang mit der durch die Industrialisierung ausgelösten Ausweitung und Beschleunigung der Warenzirkulation. Sie führte, so der Historiker und Soziologe James Beniger, zu einer umfassenden „Kontrollkrise“, denn die Verwaltungszentren standen vor dem Problem, den Überblick darüber zu verlieren, was in ihren eigenen Fabriken, bei den Zulieferern und auf den entscheidenden Märkten vor sich ging. Die alten administrativen Methoden der manuellen Informationsverarbeitung konnten schlicht nicht mehr mithalten. Was darauf folgte, führte von der industriellen zur digitalen Technologie und dazu, dass gesellschaftliches Handeln und Fühlen, Produzieren, Herrschen, Kommunizieren und Imaginieren entscheidend von den Formen der Technik und Technologie beeinflusst ist, über die verfügt wird.

Technische Artefakte sind immer mit sozialen Praktiken verknüpft, welche sie sich auf eine spezifische Weise zu eigen machen. Artefakte und Artefaktsysteme – vom Rad bis zu Schrift und Buchdruck, vom einfachen Werkzeug bis zur industriellen Produktion, von der Biotechnologie bis zur Computersoftware – stellen materielle Angebotsstrukturen (Vgl. Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, 2007) dar, die einen Spielraum vielfältiger, aber nicht beliebiger Verwendungsweisen bieten. Im historischen Vergleich gilt die moderne Gesellschaft aus nachvollziehbaren Gründen als eine genuin „technische Kultur“ (Vgl. Jan-Hendrik Passoth, Technik und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Techniktheorien und die Transformation der Moderne, 2008). Es ist nicht verwunderlich, dass die Modernität der Moderne – ob im Zeitalter der Aufklärung, im bürgerlichen 19. Jahrhundert oder im Sozialismus – von den Zeitgenossen häufig sogar mit ihrer avancierten Technik gleichgesetzt worden ist. Diese durchgreifende Technisierung des Sozialen war einerseits in der Industrialisierung begründet, sie schloss jedoch darüber hinaus die technische Rationalität der Systeme zweckrationaler Handlungskoordination in der gesamten Gesellschaft ein.

Seit den 1980er Jahren wälzt sich nun die technische und technologische Struktur der Gesellschaft in einer grundsätzlichen Weise um. In ihrem Zentrum befindet sich ein Komplex, der sich aus dem Zusammenspiel algorithmischer Verfahren des Computing, der Digitalisierung medialer Formen und des Kommunikationsnetzwerks des Internets ergibt. Dabei herrscht an utopisch überhöhten („neue globale Demokratie“, „intelligente Umgebung“) oder dystopisch zugespitzten („Überwachungsmedien“, „Aufmerksamkeitskatastrophe“) Deutungen der Digitalisierung kein Mangel. (Vgl. Byung-Chul Han, Im Schwarm. Ansichten des Digitalen, 2013) Um die gesellschaftliche Transformation, die sie bedeutet, zu begreifen, bedarf es aber mehr als solcher pauschaler Fortschritts- oder Verfallsnarrative. Wenn wir versuchen, gegenüber dem Phänomen mehr Distanz über den Weg des historischen Vergleichs einzunehmen, ergibt sich vielmehr die Diagnose eines grundsätzlichen Bruchs zwischen der alten Technik der Industrialisierung und der neuen Technologie des digitalen Computernetzes. Im Verhältnis zur alten Technik der Industriegesellschaft, die der Sphäre der Kultur in vielen Hinsichten entgegengesetzt schien, forcieren die Digitalität und das Internet eine Kulturalisierung des Sozialen.

Im Zentrum der gesellschaftlich leitenden Technologie befindet sich in der Spätmoderne nicht mehr die Produktion von Maschinen, Energieträgern und funktionalen Gütern, sondern die expansive und den Alltag durchdringende Fabrikation von Kulturformaten mit einer narrativen, ästhetischen, gestalterischen, ludischen, moralisch-ethischen Qualität, also von Texten und Bildern, Videos und Filme, phatischen Sprechakten und Spielen. Die Technologie wird nun in einer speziellen Weise zu einer Förderin dessen, was sie zuvor zu eliminieren trachtete: der Einzigartigkeit und der Kultur. Damit wird erstmals ein technologischer Komplex gesellschaftlich leitend, welcher auf die Verfertigung, Zirkulation und Rezeption von Kulturformaten zentriert ist. So wie die alte industrielle Technik zieht auch die neue digitale Technologie einen ihr entsprechenden Habitus samt Sozialfigur heran: den mobilen Nutzer (User) von Computer-Bildschirmen, der stets auch Publikum ist, sich von den neuen, auf ihn abgestimmten Texten und Bildern affizieren lässt und der zugleich selbst unablässig seine eigenen Kreationen und Selbstdarstellungen in dieses digitale Kulturuniversum einspeist.

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Der Kommentar von Bettina Landl basiert auf Aussagen von Andreas Reckwitz in: Die Gesellschaft der Singularitäten - Zum Strukturwandel der Moderne, 2019 als Teil des von studio-itzo (Martina Schiller und Rainer Stadlbauer) entworfenen Sitzmöbels im Erdgeschoß (Datenfeld 3 – Vom aufrichtigen Leben, Die Stadt als Datenfeld, Graz Museum; Vgl. Vilém Flusser, Vom Subjekt zum Projekt, 1989; online verfügbar unter https://monoskop.org/images/8/88/Flusser_Vilem_Vom_Subjekt_zum_Projekt_M...).

Der Titel Denkdinge bezieht sich auf Siegfried Zielinski, Peter Weibel und Daniel Irrgang (Hg.), Flusseriana. An Intellectual Toolbox, 2015.

Verfasser / in:

Bettina Landl

Datum:

Wed 21/04/2021

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Frau Landl, ich frage mich, ob Ihre Gedanken zur Ausstellung "Die Stadt als Datenfeld" in der Ausstellung in der Form zum Thema gemacht werden? Wenn ja, wäre das sehr interessant und sehenswert. Eine Möbelausstellung ist es weniger.
Jedenfalls danke für Ihre Denkdinge, BH

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Gedanken von Bettina Landl zur Ausstellung Die Stadt als Datenfeld – Wie wir in Zukunft leben wollen, die im Rahmen des Graz Kulturjahrs 2020 bis 29. August 2021 im GrazMuseum zu sehen ist.

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