balance 03
Wohnüberbauung „Balance“ in Wallisellen, Kanton Zürich von Haerle Hubacher Architekten, Zürich
©: Jakob Leb

_Rubrik: 

Essay
Die Rückkehr der Mitbestimmung – Teil2

Flexibilität

Das Prinzip der Flexibilität wird grundsätzlich seit Beginn des Bürobaus angewandt. Seit Mies van der Rohes Beitrag zur Weissenhofsiedlung werden immer wieder Versuche unternommen, diese Bauweise auch im Wohnbau zu etablieren. Diese Kette ist aber, wie schon eingangs geschrieben, brüchig. Oft waren Modellprojekte technisch zu ambitioniert und es fehlte an der Akzeptanz der Bewohner. Auch die Erkenntnisse aus den Arbeiten von Ottokar Uhl zeigen die Komplexität der Wohnraumproduktion und –vermittlung auf, bei der für ein stimmiges Projekt die Abstimmung sämtlicher Beteiligten in allen Projektphasen unerlässlich ist. Für die Modellbauvorhaben im Rahmen des Wettbewerbs Flexible Wohngrundrisse in Deutschland, in den 1970er-Jahren, wurden gezielt nach „flexiblen BewohnerInnen“ [29] gesucht.

Als aktuelle Beispiele für eine kongruente Umsetzung von Vermarktung und Planungsflexibilität seien noch die Solids von Baumschlager Eberle und Tony Fretton Architects erwähnt. Diese wurden durch die Het Oosten Woningbouwvereiniging in Amsterdam errichtet und nach Besichtigung durch InteressentInnen anteilig an diese versteigert. Balance von Haerle Hubacher Architekten stellt ein gelungenes Beispiel für flexiblen Geschoßwohnbau mit Mitbestimmung dar, mit einer klaren Schnittstelle zwischen Planenden und Nutzenden.
In der aktuellen Debatte und Praxis erscheinen Baugruppen als übereinstimmende Organisationsform und Projektträgerschaft und damit als die optimale Besiedelung von flexiblen Baustrukturen.

Abschließend sei noch ein Beispiel für eine, vom Planer unbeabsichtigte Anpassung moderner Architektur durch die Selbstermächtigung der Bewohnende angeführt. Sie bringt uns wieder zu den Wurzeln der Geschichte des flexiblen Wohnungsbaus. Es ist die ArbeiterInnensiedlung in Pessac, die 1925 nach Plänen von Le Corbusier errichtet wurde. Die Garagen, nur wenige Arbeiter konnten sich dieser Tage Autos leisten, wurden zur Wohnraumerweiterung in zusätzliche Räume, Küchen, Werkstätten, Büros, Weinlager und anderes umgewandelt.
Auch die weiteren Charakteristika der als modern proklamierten Architektur eigneten sich besonders gut für Umbaumaßnahmen. Die offenen Grundrisse ließen sich ohne viel Aufwand in abgeschlossene Zimmer unterteilen. Die Panoramafenster konnten leicht verkleinert werden, wohingegen eine nachträgliche Vergrößerung von Fenstern wesentliche aufwendiger gewesen wäre. So war es für die BewohnerInnen auch unzweifelhaft einfacher auf den Flachdächern Satteldächer zu errichten als umgekehrt. [30] . Die Farbe weiß wird sich ebenfalls als gute Grundierung für eine nachträglich farbliche Gestaltung der Häuser erwiesen haben. Die so erreichte Heterogenität des Erscheinungsbildes der Siedlung entstand auf der Basis weniger Grundmodule und schlägt eine Brücke zu der von Eilfried Huth beabsichtigten „Varietät“ seiner Siedlungen, die in der Steiermark in den 1970er- und 1980er- Jahren mit Mitbestimmung errichtet wurden. 

1,8
http://www.haerlehubacher.ch/architektur/bauten/4_konzept_balance/index....
2-6
Oliver Elser, Michael Rieper und Künstlerhaus Wien, Wohnmodelle Experiment und Alltag, Revolver Publishing, 2010; S.10 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bewohnerin oder Ihren Bewohner, O.Elser, M.Rieper
7
Arch+ Verlag GmbH, S.Kraft, N.Kuhnert, G.Uhlig, Berlin, Arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau 201/202, Arch+ Verlag, Berlin, 2011; Arch+ features R50 ifau und Jesko Fezer, Heide&von Beckerath
9
Arch+ Verlag GmbH, S.Kraft, N.Kuhnert, G.Uhlig, Berlin, Arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau 211/212, Arch+ Verlag, Berlin, 2013; S.128,136-139 BEL Wohnregal in Hamburg
10,11
Tatjana Schneider, Jeremy Till, Flexible Housing, Architectural Press Elsevier Inc/Ltd., Oxford UK 2007
12
Jürgen Jödicke, Weissenhofsiedlung Stuttgart, Karl Krämer Verlag, Stuttgart 1990
Bau und Wohnung, Karl Krämer Verlag Stuttgart 1992, S.77 Mies van der Rohe, Zu meinem Block
13, 15
Burkhard Biella, Funktion und Funktionalismus – ein unzweckmäßiges Abhängigkeitsverhältnis, http://www.cloud-cuckoo.net/journal1996-2013/inhalt/de/heft/ausgaben/112... S.158 aus Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin, Leipzig 1924; S.92, 158
14
Hartmut Häussermann, Walter Siebel, Soziologie des Wohnens: eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens, Juventa Verlag,  Weinheim, München 1996; S.22, Justus Möser zit. nach Hermann Kaiser, Herdfeuer und Herdgerät im Rauchhaus. Wohnen damals. Cloppenburg: Museumsdorf 1988; S.14f.
16
Julius Posener, Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur, Arch+ 210, Zeitschrift für Architektur und Städtebau, Arch+ Verlag, Berlin, 2013; S.27
17, 18
Nicolaas John Habraaken, Die Träger und die Menschen, Das Ende des Massenwohnbaus, Arch-Edition, Den Haag 2000/ eine Doppelausgabe mit: Arnulf Lüchinger, 2-Komponenten-Bauweise, Struktur und Zufall, Arch-Edition, Den Haag 2000
19
Peter Faller, Der Wohngrundriss, Wüstenrot Stiftung Deutscher Eigenheimverein e.V. Ludwigsburg und Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2002; S.73
20, 24
Rene Furer, Haerle Hubacher Eigenheim Stapel, Heft 6, Rene Furer, Benglen ZH 2008
21
Stadt Zürich (Hrsg.), Wohnen in Zürich, Programme Reflexionen Beispiele 1998-2006, Niggli, Zürich 2006
22, 27
http://www.haerlehubacher.ch/architektur/bauten/4_konzept_balance/index....
23, 26
Jakob Leb, Gespräch mit Sabina Hubacher, Haerle Hubacher Architekten, Zürich, Mai 2012
25
Jürg Zulliger, Erfinden, Bauen, Verkaufen, Der zeitgemäße Agglotyp, Hochparterre 10/2000, Hoch Parterre AG Verlag für Architektur und Design, Zürich 2000
28
Oliver Elser, Michael Rieper und Künstlerhaus Wien, Wohnmodelle Experiment und Alltag, Revolver Publishing, 2010; S.10 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bewohnerin oder Ihren Bewohner, O.Elser, M.Rieper; S. 188-189 
29
Der Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.), Realisierung des Bauwettbewerbs Flexible Wohngrundrisse, Schriftenreihe 05 Wettbewerbe, Heft Nr. 006, Bonn 1976
30
Jesko Fezer, Mathias Heyden (Hrsg.), Hier Entsteht – Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung, metroZones 3/ b_books, Berlin 2003; S.13

Verfasser / in:

Jakob Leb

Datum:

Mon 08/07/2013

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Wohnüberbauung Balance
1997-2002
3 Realisierungen des Konzepts:
_ in Wallisellen, Melchrütistrasse
_ in Uster, Talweg
_ in Fällanden, Letzacherstrasse

Architektur:
Haerle Hubacher Architekten, Zürich

Kontakt:

Kommentar antworten