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Glosse
DIE SCHRECKEN DER KAMERALISTIK

„Absolut vertrauensunwürdig, da haben Sie recht. Das beginnt schon beim Akzent. Das Schweizerische ist keine Sprache, sondern eine Halskrankheit. Schon als ich ihn zum ersten Mal im Amt gesehen habe, dachte ich ganz bei mir, der passt doch gar nicht in ein Amt. Nicht die Spur von einem Amtsschimmelreiter, kein wieherndes Lachen, kein Scharren mit Bürohengsthufen. Der entspricht nicht dem Anforderungsprofil. Ein guter Ruf als Stadtplaner? Das genügt nicht. Man muss auch ein gutes Ohr haben in dieser Position, nicht erst auf Zurufe reagieren, nein, ein feines Sensorium für die Pläne der Stadtregierung haben, Wünsche von den Lippen des Bürgermeisters ablesen können oder Absichten erkennen, bevor sie den Verantwortlichen bewusst sind. Ein Seismograf für bevorstehendes Grollen oder Entscheidungswutausbrüche. Das sollte in einem Hearing überprüft werden: Hat der Mann einen Sinn für die Planspiele der Macht? Und sind ihm die Schrecken der Kameralistik vertraut? Ahnt er, was ihn abseits visionärer Stadtplanung in Amtsstuben erwartet?
Er hat sich dann ja eher selten im Amt blicken lassen. Das war uns nur recht. Wir haben ihm nicht über den Weg getraut. Ihm aber umso genauer auf die Finger geschaut, wenn er uns einmal die Ehre seiner Anwesenheit erwiesen hat. Und wirklich haben wir Wahrnehmungen gemacht, über die ich nicht sprechen möchte, um den Ermittlungserfolg nicht zu gefährden. Aber wir haben diese Unaussprechlichkeiten umgehend pflichtgemäß weitergeleitet. Ich habe ihm manchmal über die Schulter geschaut, wenn er an seinem Computer gesessen ist und ich ihm die Akten vorgelegt habe. Und ich habe einmal klar und deutlich das Wort ‚Darlehen’ lesen können. Da war mir schlagartig bewusst, mit wem wir es hier zu tun haben. Bald darauf ist ja unsere Rechnung aufgegangen und sein Rechner gesperrt worden.
Wissen Sie, wir haben einen eigenen Amts-Ehrenkodex. Dadurch sind wir in einer Weise für Korruption sensibilisiert, dass wir schon beim leisesten Verdacht Ohnmachtsanfälle bekommen. Aber wir erholen uns schnell und schreiten zur Observierung, bis der Verdächtige abserviert wird. Anderswo mag die Unschuldsvermutung gelten, aber bei uns gelten andere Gesetze…“

Verfasser / in:

Günter Eichberger

Datum:

Mon 06/08/2012

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