Fetisch Computer

„Mit allen Mitteln“ versteht sich mehr rhetorisch als beschreibend. Tatsächlich geht es in der gleichnamigen Ausstellung des HdA nicht darum, alle erdenklichen Planungs- und Fertigungsmittel, die sich am Arbeitstisch des Architekten wiederfinden mögen, gegeneinander abzuwägen oder auch nur nebeneinander hinzustellen, sondern darum, Hemmschwellen abzubauen, die gerade im Hinblick auf digitale Entwurfsmethoden immer noch zu bestehen scheinen. Zumindest was eine wirklich programmatische Nutzung computerspezifischer Mehrwerte anlangt: Um letztere dreht sich die Ausstellung.

Die Kuratoren Marjan Colletti (The Bartlett UCL, London), Richard Dank (Institut für Architektur und Medien, TU Graz) und Wolfgang Tschapeller (Institut für Kunst und Architektur der Akademie der bildenden Künste, Wien) präsentieren dazu experimentelle Anordnungen, die im Rahmen von Lehrveranstaltungen an ihren Architekturschulen entstanden sind. Das Ausstellungskonzept besticht durch Logik, bilden die drei so entstandenen Schwerpunkte doch gleichsam Analyse, Entwurf und Fertigung ab. An den Enden dieses Wegs franst die Stringenz des Gezeigten dann aber doch ein wenig aus.

Die sich selbst als „lose“ verstehende Sammlung von „Sondierungen“ der Akademie am Schillerplatz machen den Computer als Instrument zur Visualisierung sonst nicht leicht nachvollziehbarer Sachverhalte nutzbar. In der Arbeit von Peter Jellitsch etwa zur Vermessung elektronischer Topographien, die – via Modell, Film und Schnitt – im ersten Wiener Gemeindebezirk auftretende Funkwellen dokumentiert. Wie sich die Körper-Umwelt-Schnittstelle der „Harvesting Fields“ im Film „Matrix“ umsetzen ließen, erkundet die poetische Arbeit von Daniela Mitterberger. Ihre Ergebnisse ähneln Utopien der 60er Jahre, die auch versuchten, alles was der Mensch an Architektur um sich her braucht, weltraumtauglich auf das Minimalste zu verdichten. Im Projekt „Big! Bad? Modern“ wurden vier Wiener Nachkriegsbauten analysiert: Lisi Zeininger hat aus ihren Scans der Wirtschaftsuniversität einen freien Fall durch das Gebäude konstruiert, um eine Raumabfolge wahrnehmbar zu machen, die so realiter nicht wiederholbar ist und rhythmisiert das Ganze dementsprechend mit einem geisterbahnartig brodelnden Sound. Das 3D-Modell eines Krankenzimmers im AKH, das Tina Wintersteiger samt aller Geräusche, in zunehmend psychedelisch leuchtenden Farben und aus Patientensicht animiert hat, suggeriert, so unscharf die Raumgrenzen dabei abgebildet werden, ein postnarkotisches Erwachen und wirkt damit nicht weniger gespenstisch.

Erhellender wird die Nützlichkeit des Computers als Entwurfswerkzeug im Mittelstück der Ausstellung aufgezeigt. Eine Chimäre streckt sich hier amöbenhaft. Nicht dass die Londoner Studenten gleich auch Nützlichkeitserwägungen an ihr Monstrum selbst angelegt hätten. Entsprechend wurde Sullivans Leitspruch „form follows function“ in „form follows fetisch“ umgewandelt. Die neue Alliteration steht für quasi völlige Freiheit in der Wahl von Form und Oberflächenstruktur. Also gleicht kein Teil der „aRC(2)himera“ einem anderen. Vielmehr leiten sich die laser-gecutteten Segmente von ganz unterschiedlichen Morphologien ab. Dem Computer ist eben nichts zu kompliziert oder zu mühselig. Auf die gebauten Umsetzungen darf man sich fürchten.

Der von der TU Graz vertretene Themenzugang kommt etwaigen Nutzanwendungen am nächsten. Im Masterstudio „Parametric Wood Joints“ wurden Pavillons entworfen, die sich ausschließlich aus digital gesteuert herstellbaren Holz-Holz-Verbindungen zusammensetzen. Deren Praktikabilität steht in Form eines 1:1 umgesetzten Modellteils vor der Tür. Dank der Ausdauer und Präzision des werkenden Roboters sind industrialisierte Herstellung und individualisierte Einzelteile nicht länger Gegensätze. Technizität und Handschrift ebenso wenig, wie ein pointilistisch vor sich hinzeichnender Robotor beweist. Wie das mit dem gleichfalls präsentierten „Atlas: Zersiedelung Steiermark“ zusammenhängt, ist aber wohl eine andere Geschichte.

AUSSTELLUNG:
„Mit allen Mitteln. Analoge / digitale Versuchsanordnungen“
Dauer der Ausstellung: bis 11. Mai 2012
Di bis So, 10.00 bis 18.00 Uhr, montags geschlossen
Ausstellungsort:
HDA Graz im Palais Thinnfeld
Mariahilferstraße 2, 8020 Graz

RAHMENPROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG:

_ DI, 08.05.2012, 19.00 Uhr
VORTRAG Sir Peter Cook (London),
TU Graz, HS 1
Rechbauerstraße 12, 8010 Graz

In Kooperation mit dem Institut für Architektur und Medien im Rahmen der Graz Master Lectures

_ MI, 09.05.2012, 18.00 Uhr
PODIUMSDISKUSSION
Needle im Kunsthaus Graz
Lendkai 1, 8020 Graz

Should buildings grow/adapt/repair themselves? And if so, why not?
Mit: Peter Cook (London), Hans Frey (Waagner-Biro, Wien), Urs Hirschberg (Institut für Architektur und Medien, TU Graz), Peter Pakesch, (Kunsthaus Graz), Wolfgang Tschapeller (Institut für Kunst und Architektur, Akademie der bildenden Künste, Wien)

Moderation: Marjan Colletti (Bartlett UCL, London und Institut für Experimentelle Architektur. Hochbau, Universität Innsbruck)

In Kooperation mit dem Kunsthaus Graz.

Verfasser/in:
Ulrich Tragatschnig, Rezension

Datum:

Sun 06/05/2012

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