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Günter Brus, "Wiener Spaziergang", 1965, Kontaktabzug auf Karton, Foto: 39 x 39 cm, Karton: 60 x 50 cm, BRUSEUM, Neue Galerie Graz, Foto: UMJ/N. Lackner
©: Universalmuseum Joanneum

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Bericht
Freiheit wird eine Episode gewesen sein ...

Ausgehend von der internationalen Vorreiterrolle von Günter Brus haben vier junge Künstlerpositionen neue Arbeiten für das ACFNY (Austrian Cultural Forum) entwickelt, die sich mit der gegenwärtigen Situation der Freiheit in Kunst und Gesellschaft auseinandersetzen.

Freiheit der Kunst
In den 1960er-Jahren, als Günter Brus mit seinen Aktionen die österreichische Gesellschaft und ihre Vorstellungen von Kunst und Moral herausgefordert hatte, galt Freiheit als kostbares Gut, das erkämpft und gegen jegliche Einschränkung verteidigt werden musste. Die Erfahrungen und Folgen der Nazi-Diktatur saßen den meisten noch tief in den Knochen. Es waren Künstler wie Brus, die mit ihren Arbeiten nicht nur die Grenzen der Kunst beständig erweiterten, sondern in steter Auseinandersetzung mit der staatlichen Ordnungsmacht auch der (künstlerischen) Freiheit neue Möglichkeitsräume eröffneten. Die zum Teil unter hohem persönlichen Einsatz erkämpften Freiheiten werden in der Gegenwart jedoch durch die Ökonomie des Hedonismus und die Effizienz des Neoliberalismus zunehmend ausgehöhlt und unterwandert.
Die Freiheit ist eigentlich eine Gegenfigur des Zwangs. Die Generationen nach Brus haben sich kaum mehr Freiräume erkämpfen und nicht mehr gegen repressive Herrschaftsverhältnisse aufbegehren müssen, sondern hatten die Möglichkeit, frei von äußeren Zwängen aufzuwachsen. In den saturierten Gesellschaften von heute wird Freiheit daher nicht mehr wie früher von einer Macht offenkundig angegriffen oder eingeschränkt, sodass man sich wehren könnte, sondern im Gegenteil vom System in perfider Weise so instrumentalisiert, dass wir Zwang nicht mehr als Gewalt, sondern als Freiheit wahrnehmen. Persönliche Informationen, politische Überzeugungen, lebensweltliche Anschauungen und intime Details werden nicht mehr durch Druck, Einschüchterung und Drohung in Erfahrung gebracht, sondern aus einem Gefühl der Freiheit heraus in sozialen Medien offen und freiwillig kundgetan. Der Körper des Staatsbürgers wird nicht mehr durch Zwang und Gewalt diszipliniert und normiert, sondern durch die mediale Inszenierung von Schönheits- und Selbstverwirklichungsidealen zur Selbstoptimierung aktiviert. In einer Gesellschaft relativer Freiheit haben wir uns inneren Zwängen in Form von Leistungs- und Optimierungsdruck unterworfen. Die permanente Selbstoptimierung ist eine „Technologie des Selbst“ (Michel Foucault), die der Neoliberalismus für sich vereinnahmt hat, und die de facto nichts anderes ist „als eine effiziente Form von Herrschaft und Ausbeutung“. (Michel Foucault) Selbstoptimierung und Unterwerfung fallen in eins zusammen. Das titelgebende Zitat des koreanischen Philosophen Byung-Chul Han verweist auf die unabdingbaren Konsequenzen, die diese Entwicklungen zeitigen und die den neoliberalen Strukturen in nuce eingeschrieben sind: „Die Freiheit wird eine Episode gewesen sein.“ (Byung-Chul Han)

Ausstellung im ACFNY
Das Ausbrechen aus Konventionen, das Abweichen vom System, das Fremdkörper-Sein in der Gesellschaft, das Analysieren der neuen Herrschaftsstrukturen und das Appropriieren ihrer Mechanismen stehen im Mittelpunkt der Schau.

Günter Brus
Günter Brus hat in seinen Zeichnungen seit den 1960er-Jahren den menschlichen Körper ins Zentrum gestellt, nackt und abgezehrt, mit knochigen Gliedmaßen und übersteigerten Gebärden. Seine Figuren sind Gezeichnete, nicht nur mit Bleistift auf Papier, sondern auch von den Zwängen der Gesellschaft, den Forderungen an sich selbst und der Unbarmherzigkeit der Zeit, die ihre Spuren und Narben auf den Körpern hinterlassen haben. Der Staat wird als Inbegriff von Gewalt und Zwängen wahrgenommen, der auf den Körper durch ein Netzwerk aus Disziplinierung, Überwachung und Bestrafung wirkt. Ein Jahrzehnt später wird der französische Philosoph Michel Foucault den Begriff der „Bio-Macht“ dafür prägen: die vollständige Kontrolle des Staates über den Körper und seine Sexualität. Die Erkenntnis von den Kategorisierungen und Normierungen des Menschen führt zu einer Analyse des Selbst, zur Körperanalyse, wie Brus seine späten Aktionen nennt, die gleichzeitig zu einer kritischen Analyse der Gesellschaft wird.
Brus skizziert in seinen Aktionszeichnungen das „Geworfensein“ des Menschen und illustriert jene gewaltsame Verstrickung von nacktem Leben und souveräner Macht, die der Philosoph Giorgio Agamben Jahrzehnte später mit der Figur des „Homo sacer“ theoretisch begründet. Im Laufe des Jahres 1966 entsteht jedoch auch eine kleine Anzahl bemerkenswerter, fast visionärer Zeichnungen, in denen der Künstler seine verstümmelten und aufgeschlitzten Körper in leere Räume oder gläserne Schaukästen legt. Es gibt keinen Schutz oder Rückzug mehr, alles wird offengelegt und ausgestellt. Jeder Aspekt des Lebens ist einsichtig, mit Mikrofonen wird alles wird aufgezeichnet und übertragen, der Körper selbst ist verkabelt und an ein ominöses Netzwerk angeschlossen, Schläuche penetrieren ihn und scheinen ihn zugleich zu versorgen. Das Individuum ist einer absoluten Überwachung und Kontrolle ausgeliefert. Es sind paradigmatische Darstellungen der Transparenzgesellschaft in ihrer ultimativen Konsequenz. Brus nimmt mit diesen Arbeiten die Entwicklungen der Gesellschaft um fast fünf Jahrzehnte vorweg.

Josef Wurm
Josef Wurm verschränkt in seinen Gemälden die Anatomie des menschlichen Körpers mit der Topografie von Landkarten. Die Vermessung der Welt trifft auf die Durchleuchtung des Menschen. Seine Werke sind kritische Gesellschaftsanalysen, die in das Innerste vordringen, in die Eingeweide des menschlichen Zusammenlebens, in die Anatomie sozialer Ordnungen, zu den rudimentären Elementen, die Körper und Schrift konstituieren und dadurch Wirklichkeit festschreiben. Wurm bricht die Konstruktion von Wirklichkeit auf, nimmt ihre Ordnung auseinander, seziert die Verfasstheit von Gesellschaft und legt sie gleich einem aufgeschlitzten Leib offen. Er belässt es aber nicht bei einer schonungslosen und drastischen Vivisektion, sondern entwickelt durch Variation, Kombination und Permutation neue Konfigurationen. Diese alternativen Kompositionen darf man nicht als Handlungsanweisungen für nonkonformistische Lebensentwürfe oder neue Gesellschaftsordnung missverstehen. In ihnen kommt jedoch die stete Reflexion, der beharrliche Blick unter die Oberfläche und das authentische Begehren, etwas ändern zu wollen, zum Ausdruck, die als Impuls und Auftrag für den Betrachter bzw. die Betrachterin gelten können. Wurms Werke scheinen etwas zu präfigurieren, das dräuend in der Luft liegt, sich aber noch nicht in Worte fassen lässt.

Evamaria Schaller
Charakteristisch für Evamaria Schallers performative Arbeiten ist das Reagieren auf den jeweiligen Ort und das Einschreiben ihres eigenen Körpers in dessen Struktur. Schaller setzt ihren eigenen Körper sprichwörtlich dorthin, wo er weder erwartet noch erwünscht ist und damit einen Affront für das System der Ordnung und Kontrolle darstellt.
Der Körper ist nicht nur Medium und Mittel der Erfahrung von Welt, sondern letztlich auch der Schauplatz, an dem der Kampf um Zugehörigkeit, Identität, Gerechtigkeit und Wahrheit ausgetragen wird. Die italienische Philosophin Rosi Braidotti hat ausgewertet wie der Körper durch die Jahrhunderte hindurch einer systematischen Pathologisierung unterworfen wurde, wie festgeschrieben wurde, was als richtiger und was als falscher Körper zu gelten hat. Der Körper als soziales Konstrukt scheint heute noch viel stärkeren Zwängen ausgesetzt zu sein, denn neben den klassischen kulturellen Körperstandards eröffnen neue Technologien ganz andere Arten von Körper, die durch Nervengift, plastische Chirurgie und Biotechnologien dem Kult der Jugend und der Selbstoptimierung anhängen. Schaller hat sich in ihren jüngsten Arbeiten mit der Genetik im Verbund mit digitaler Datenverarbeitung und Biotechnologien auseinandergesetzt und die Frage nach den körperlichen Grenzen der Freiheit aufgeworfen. Es ist eine Frage der Zeit bis genetische Manipulationen nicht mehr nur eingesetzt werden, um Krankheiten zu heilen, sondern uns körperlich verbessern. Zurzeit arbeiten Wissenschaftler an einer Reihe von so genannten transbiologischen Experimenten, bei denen menschliche Stammzellen in Tierembryonen eingesetzt werden. Die Hybride, die daraus hervorgehen, diese Mischwesen wurden in früheren Zeiten Chimären genannt. Das mythische Wesen der griechischen Mythologie ist transbiologische Realität geworden!

zweintopf
Das Künstlerduo zweintopf setzt sich seit Jahren in verschiedenster Weise mit den subtilen Normierungen des Alltags auseinander, arbeitet mit kaum beachteten Schriften, Linien und Utensilien des öffentlichen Raums, interveniert uneingeladen und unangemeldet oder entwickelt präzise Installationen, die Kontrolle, Einflussnahmen und Methoden der Steuerung zum Inhalt haben. Für ihre Arbeit Fencing IV haben sie sogenannte Kuhtrainer, unter Strom stehende Metallbügel, die Tiere zum Absetzen ihres Kotes an einer definierten Position animieren sollen, zu einer raumgreifenden Installation miteinander kombiniert, die gleich einer materialisierten Raumzeichnung ein minimalistisches Raster im Ausstellungsraum spannt. Die von Strom durchflossene Konstruktion zwingt Betrachter/innen ein bestimmtes Bewegungsmuster auf und bestraft sie bei Abweichungen mit einem leichten Stromschlag. Die Arbeit greift das Konzept von Michel Foucaults „Disziplinargesellschaft“ auf zeichnet den Weg des Individuums nach in einem System der Einschließung und Bestrafung, das eine rationale Ökonomie der Körper zeitigt.

studio ASYNCHROME
Das 2013 begründete studio ASYNCHROME verfolgt im Medium der Zeichnung die stete Auseinandersetzung mit dem Individuum im Zeitalter gesellschaftlicher Umbrüche. Ausgehend von Beobachtungen und Überlegungen zu den Entwicklungen in ihrer Lebensumwelt entwickeln sie auf der Basis von Menschenrechten und Verfassung, Institutionen und Architekturen, politischen Entscheidungen, soziologischen Statistiken, wissenschaftlichen Studien, philosophischen Theorien, moralischen Lehrsätzen und der grundlegenden Skepsis, die Humanisten zu eigen ist, ein Dispositiv der gegenwärtigen soziopolitischen Situation. Michel Foucault hat den Begriff des Dispositivs als „das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann“,6 definiert und es ist immer ein Netzwerk, das sie aus der Vielzahl der Elemente in ihren raumgreifenden Zeichnungen knüpfen, um der vermeintlich undurchdringlichen Komplexität des neoliberalen Systems etwas entgegenzusetzen. Es geht ihnen genau darum, Verbindungen zwischen Entwicklungen herzustellen, Verknüpfungen der Macht sichtbar zu machen, den Zusammenhang der Veränderungen aufzuzeigen, die Ebenen der Einflussnahme aufzufächern und komplexe Statistiken und Theorien so zu visualisieren, dass der Betrachter, die Betrachterin einen niederschwelligen Zugang findet und sich plötzlich vor der Wandzeichnung als Teil dieses Systems wahrnimmt.
studio ASYNCHROME zeichnen die Algorithmen der Manipulation. Wenn die Medien durch wirtschaftliche Abhängigkeiten korrumpiert sind, wenn manipulierte Nachrichten sich wie Epidemien über den Globus ausbreiten, wenn die Wahrheit wirklich zu einer Tochter der Zeit wird, wie der römische Autor Aulus Gellius geschrieben hat, den viele Politiker nur allzu gerne zitieren, wenn kritisches Denken mit staatszersetzendem Verhalten gleichgesetzt wird und politisches Engagement nicht mehr stattfindet, weil es mit sozialen Medien nicht kompatibel ist, dann steuern wir auf die schöne neue Welt zu und die Freiheit wird eine Episode gewesen sein.
(Text redaktionell gekürzt)

Beteiligte KünstlerInnen

  • Günter Brus (* 1938, Ardning)
  • Josef Wurm (* 1984, Fürstenfeld)
  • Evamaria Schaller (* 1980, Graz)
  • zweintopf (Eva Pichler, * 1981, Judenburg & Gerhard Pichler, * 1980, Gurk)
  • studio ASYNCHROME (Marleen Leitner, * 1986, Graz & Michael Schitnig, * 1986, Graz)

Verfasser / in:

Universalmuseum Joanneum

Datum:

Mon 16/03/2020

Infobox

Freiheit wird eine Episode gewesen sein ...

Ausstellung im Austrian Cultural Forum in New York, USA, mit fünf steirischen KünstlerInnen

06.03. – 07.09.2020   

Veranstalter 
Universalmuseum Joanneum

Kurator
Roman Grabner, Bruseum

Der Titel der Ausstellung Freiheit wird eine Episode gewesen sein ... will nicht das Ende der Freiheit an die Wand malen oder eine dräuende Ära politischer Unfreiheit proklamieren, sondern einen gesellschaftlichen Umbruch ins Auge fassen, der sich in den letzten Jahren so konsequent wie schleichend vollzogen hat.

TeilnehmerInnen
Günter Brus, Josef Wurm, Evamaria Schaller, zweintopf, studio ASYNCHROME

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