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Interview
Graz-Reininghaus: Der unwahrscheinliche Schritt vom Siedlungsbau zum Städtebau

GAT: Würde es klappen, die urbane Kleinteiligkeit gemeinsam mit den großen BauträgerInnen zu erreichen?

Fiedler: Ich glaube, dass die großen, professionellen ImmobilienenentwicklerInnen eine Rolle als ZwischenhändlerInnen bzw. BaufeldentwicklerInnen spielen könnten. Das ist eine Idee, die wir beim Projekt Aspern Seestadt ausgearbeitet haben, wo es einen Entwickler gibt, der ein Grundstück in der Größe von 8.000 bis 10.000m2 übertragen bekommt und die Aufgabe hat, gemeinsame Grünräume und eine Tiefgarage herzustellen und die Aufschließung sicherstellt, allerdings mit dem Ziel, dass das aufgeschlossene Gebiet dann in zehn Bauplätze geteilt wird. Das hat den Vorteil, dass sich nicht jedes Haus um die Parkplatzlösung oder den Spielplatz kümmern muss. Im Rahmen dieser Aufwertung vom großen zum kleinen Grundstück können die Immobilienentwickler einen Beitrag leisten und Gewinn machen. Im Endeffekt sollte aber eine Körnung resultieren, die ähnlich beschaffen ist wie in Städten des 19. Jahrhunderts. Da gibt es auch größere und kleinere Objekte, aber man hat das Gefühl, das Ganze besteht aus vielen Teilen.

GAT: Noch einmal zu den drei vorhin angeführten Visionen für die Entwicklung von Reininghaus. Wofür sollen wir nun bei der Befragung stimmen, wenn sich die Stadt Graz bis dahin nicht dazu äußert?

Fiedler: Die Stadt sollte sich dazu äußern! Welche Stadt denkt man an? Es muss kommuniziert werden, warum sich die Stadt da unbedingt beteiligen soll. Und dazu bedarf es zuerst der Bewusstseinsbildung.

GAT: Wenn Sie Bürgermeister Nagl kurzfristig zu einer Exkursion zum Thema der Stadtteilentwicklung einladen könnten, wohin würden Sie ihn mitnehmen?

Fiedler: In die Hafencity Hamburg, die von einer öffentlichen Entwicklungsgesellschaft entwickelt wurde und kleinteilig sowie bauplatzbezogen entwickelt wird, insofern ist sie eine Referenz. Es handelt sich aber dort um ein sehr hochwertiges und teures Gebiet - Graz wird in Reininghaus ein höheres Maß an Alltäglichkeit und Normalität haben und das ist auch gut so. Weiters ist das französische Viertel in Tübingen ein Referenzprojekt. Dort hat die Stadt Flächen aufgeschlossen. Auf einer Webseite kann man sein Interesse an einem Grundstück bekunden, die Kosten sowie die Bebauungsbedingungen einsehen. Auf diese Weise ist dort ein lebendiges Stadtviertel entstanden.

GAT: Vielen Dank für das Gespräch!

Verfasser / in:

Martin Brischnik

Datum:

Tue 26/06/2012

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JOHANNES FIEDLER geboren in Wien. Architekt Dipl. Ing. (Architektur), TU Graz, 1988, Dr. techn. (Städtebau und Zeitgeschichte), TU Graz, 2001. Praxis bei Domenig/Eisenköck und Klaus Kada in Graz. Geschäftsführer Europan-Österreich (1993-1997), Berater in internationalen Projekten der Stadt- und Raumentwicklung im Auftrag der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und der Europäischen Kommission; Mosambik, Südafrika, Palästina, Cabo Verde. Berater des Stadtentwicklungsprojekts Aspern Seestadt in Wien. Studios in Graz und Wien. Lehraufträge im Fach Städtebau an der TU Wien, der Universität Graz, der FH Joanneum Graz und an der TU Braunschweig. Seit 4/2010: interimistischer Leiter des Lehrstuhls für Städtebau an der TU Braunschweig

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