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Rezension
Gries. Lend – Geschichten. Räume. Identitäten.

GRIES. LEND - GESCHICHTEN. RÄUME. IDENTITÄTEN
Hg. von Elke Murlasits, Gottfried Prasenc, Nikolaus Reisinger
Graz: Leykam 2009. € 9,90

„Funktionen, Interessen, Vorlieben produzieren das in alltäglichen Routinen sich wiederholende Mapping […]. Auf diese Oberfläche tragen sich die Navigationen als Routinen der Stadtbenützung ein. Wege werden gefunden. Hat man sie einmal gefunden, weicht man selten von ihnen ab, man geht sie immer wieder.“ Überträgt man diese Überlegungen von Elke Krasny (vgl. S. 92) auf die Idee der „Stadtbenützung“ über ihre Erforschung, so ergibt sich aus diesen Worten die Kurzcharakterisierung dieses kürzlich erschienen Buches.

Der Sammelband umfasst die Beiträge zum die Ausstellung „Volksgarten. Politik der Zugehörigkeit“ begleitenden Symposion im Kunsthaus, Dezember 2007, und die Abbildung von Ausstellungsobjekten der Studierenden des Instituts für Raumgestaltung (TU Graz). Um die zentralen Marker (Schlüsselbegriffe, Versatzstücke) des aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskurszusammenhangs – siehe Untertitel – im Lichte des aktuellsten „Turns“ („spatial turn“) kreisen die Annäherungen an die Bezirke, die unter dem historischen Terminus „Murvorstadt“ durch die Stadtgeschichte(n) geistern.

Eine grobe Rasterung der Beiträge lässt sich anhand der Leitlinien ‚Geschichte’, ‚theoriezentrierte Abhandlungen’, ‚Raumannäherungen’ und ‚Projektpräsentationen’ vornehmen. Zu den Beiträgen der Stadthistoriker Gerhard Dienes und Karl Kubinzky, die einen gerafften Überblick über die Geschichte der Bezirke seit dem Mittelalter geben, gesellt sich die spezielle Darstellung der Historikerin Claudia Friedrich zur Reklame als Signum der Moderne am Beispiel der Annenstraße – oder umgekehrt. Theoriezentriert nähern sich Franziska Klug, Gottfried Prasenc, Elke Krasny und Erwin Fiala der Thematik an. Ans Ende aller Aufsätze gereiht reflektiert Fiala die Begriffe einer „Nach-Geschichte“ (Post-Histoire), von Raum- und Identitätsbegriffen auf einer Metaebene. Über die semiotische Dimension von Architektur schwingt er sich zu einer Reflexion des Wissens, der Hierarchisierung, Bewertung, Deutung des Wissens selbst auf und hinterfragt damit im Prinzip die grundlegenden Denkansätze des Bandes. Wenn nicht post-historisch, so mindestens post-modern. Während Klug den Prozess der räumlichen Identifikation als der Fluktuation und Variabilität unterworfene Interaktion begreift, verortet Prasenc neue Stadtentwicklungskonzepte zwischen Gestaltung (der Politik) und Freiraum (der AkteurInnen) über den Weg neuer Ausverhandlungsformen. Am Beispiel des Lendviertels verfolgt er den Weg neuer Leitbilder und neuer Formen von Raum, Diskursen und Netzwerken, die die Zwiespältigkeit von „Selbstorganisation“ und/gegen „Gentrifizierung“ aufzeigen. Krasny wiederum greift zur Narration als einem Mittel sozialer Raumerzeugung: Im Mitgehen und Zuhören eröffneten sich neue Wege der Stadtwahrnehmung.

Raumannäherungen werden von Sandra Brugger, Michael Hauer und Walther Moser vorgenommen. Als „Orte des Gedächtnisses“ versucht Brugger Gries- und Lendplatz zu lesen, die trotz unterschiedlicher Geschichte(n) eines gemeinsam haben: Sie sind Durchzugsorte ohne kommunikative Angebote. Aus sozioökonomischem Blickwinkel erschließt Hauer die Szenerie. Er untersucht das „Immigrant Business“ vor Ort anhand von Statistiken und ethnischen Zuordnungen, ist sich aber über den Ausgang der Story noch nicht im Klaren: Parallelgesellschaft oder Integration durch Konzentration von Immigrationswirtschaft? Moser setzt narrativen Urbanismus um, er geht mit drei EinwohnerInnen durch die Viertel und folgt deren Geschichten, greift dabei zentrale Momente der Bezirksspezifika auf.

Der letzte Bereich umfasst grosso modo Projektpräsentationen, verfasst von Martina Pusterhofer, Mara Verlic und Hansjörg Luser sowie die (Farb-)Bilder ausgewählter Ausstellungsobjekte. Pusterhofer präsentiert das Projekt „FloßamLend“, narrative, intervenierende, irritierende Aktionen im vierten Bezirk. Das Symposion „Lokal Heroes 8020“ (Mai 2008) lässt Verlic Revue passieren; daselbst wurden von ExpertInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz Raumgestaltungsfragen zwischen Kunst und Stadtentwicklung diskutiert. Der Ort des Diskussionsgeschehens – das Lendviertel – wird in Verlic’ Reflexionen als Rahmen und Folie der Inhalte integriert. Luser wiederum erinnert an das Projekt „Zeit für Graz“, gibt einen „diskursiven Kommentar“ zu Themen ab, die auch den Band strukturieren und diskutiert mit Harald Saiko über Stadtentwicklung in Graz.

Um wieder auf das Ausgangszitat zurückzukommen: In dem in den letzten Jahren gar nicht mehr so vernachlässigten Feld der Gries/Lend-Forschung findet dieser Band neue Wege in Bezug auf Wahrnehmung und Deutung des Raumes, das ist unbestritten. Theoretische Konzepte werden reflektiert und auf unprätentiöse Weise von der empirischen Forschung genützt, der interdisziplinäre Zugang findet Brücken zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Annäherung ohne reflexartige Grenzverteidigungen. Der Heterogenität der beiden Viertel wird ausreichend Rechnung getragen, zentrale Spannungsfelder werden benannt, Altbekanntes wird neu gedeutet.

Weder der Anspruch auf Vollständigkeit noch auf einen Abschluss des Denkprozesses wird von den HerausgeberInnen erhoben, darum verstehen sich die folgenden Anmerkungen auch nur als Diskussionsanstöße. Manche Wege der Erforschung gerinnen nämlich zur narrativen Routine. Das Gebiet zwischen Lend- und Griesplatz, Bahnhof und Mur wird selten verlassen (z.B. von Moser, Dienes). Manchmal werden Images kreiert, die man eigentlich kritisch durchleuchtet: Auch im Feld wissenschaftlich-künstlerischer Annäherung entwickelten sich „eindeutige Insignien“, die „an der Praxis des Alltags“ zerbrechen (Moser, S. 99). Sowohl mit der Betonung des kreativen Milieus als auch der „ethnischen“ Musterung konstituiert man Bilder und Grenzen neu. Letztlich wurde selten reflektiert, dass Verdrängung und „Gentrifizierung“ längst begonnen haben: Neubauten von Eigentumswohnungen, Schulen und öffentlichen Institutionen seit den 1980er-Jahren definieren Lend und Gries bereits deutlich. Ein Prozess, der in der Neudeutung der Annenstraße seinen symbolhaften vorläufigen Höhepunkt finden könnte – je nach Verwirklichungspotential diverser Strategien. Man folge Krasny und Moser auf ihren Spaziergängen, in diesen Beiträgen findet sich noch der eine oder andere Hinweis auf diese Desiderata.

Insgesamt bietet der Sammelband spannende Beiträge, interessante Ansätze, viel Literatur und fundierte Informationen. Das Format verlangt hohe Lesekompetenz, weil die Texte von Zitaten und Bildern unterbrochen schwer lesbar werden. Es ist eine schwierige Annäherung an ein komplexes Thema, insofern entspricht eben die Form dem Inhalt. Ich kann das Buch nur empfehlen: zum Lesen, Weiterdenken, Neue-Wege-Finden.

Verfasser/in:
Monika Stromberger, Buchbesprechung

Verfasser / in:

Monika Stromberger

Datum:

Tue 04/08/2009

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