Grazer Schule_Konrad Frey_Bild 58
(58) Bernhard Hafner, Stadtzelle (Brückenrestaurant für Marburg), Diplomarbeit an der TH Graz, 1965, Modell.

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Sonntag
KONKRETE UTOPIE [1]

(> 58): Der erste Ausbrecher aus der traditionellen Auffassung, dass Stadtplanung gleich Flächenwidmung und dass Architektur gleich Gebäude sei, war nach meiner Wahrnehmung Bernhard Hafner. Ihm ging es vielmehr darum, den RAUM zu nutzen und Nutzungen sich ändern zu lassen. Architektur als Netzwerk von Möglichkeiten und technischer Versorgung. Als der intellektuelle Vordenker an der Schule dachte er in Hierarchie der Teile, in Primär- und Sekundärstrukturen und in Zeit als Dimension des Raumes für Veränderung und Innovation. Das heißt, Entwerfen ohne zu wissen, wie das Ding benutzt werden wird.
Beispielhaft artikulierte Hafner seine Haltung mit der Staatsprüfungsarbeit:
ein Brückenrestaurant über dem Fluss in Marburg. An diesem kleinen Projekt demonstrierte er eine Primärstruktur als infrastrukturelle Vorgabe und Sekundärstrukturen = „Architekturen“ als variable Nutzungen.

(> 59): Meine erste Produktion war eine Fotocollage am Grazer Rathaus, die in der Zeitung erschien; ein Aufruf an die Adresse der Stadtplanung, einen Raumnutzungsplan anstatt des Flächenwidmungsplanes zu erstellen.

(> 60): Bernhard Hafner: Struktureller Städtebau. Die Gliederung des Raumes in Primär-/Kommunalstruktur und Individualarchitekturen.

(> 61): Klaus Gartler/Helmut Rieder: Mit einem Staudamm zur Energiegewinnung wird das alte Graz unter Wasser gesetzt und werden die 250.000 Einwohner in einer 1500 Meter hohen Vertikalstruktur neu angesiedelt, die nach aktuellen Richtlinien für Stadtorganisation strukturiert ist.

(> 62): Helmut Richter: Ein Haus am Hang.

(> 63): Konrad Frey: Auflösung des Hauses: Eine Anordnung zum „Wohnen“ in einer Primärstruktur, die Lastaufnahme, Verkehrserschließung und Installationsanschlüsse bietet für das Andocken individueller Einrichtungen. Wohnraum ist nicht definiert durch Wände, Decken, Fußböden, sondern durch Apparate in Position.
„Haus“ wird zu einer Ansammlung von Apparaten, Konsumgütern, der Entwicklung und den Moden unterworfen. Austauschbar, wegwerfbar ... Ein Anzug = Aufenthaltsraum = Automobil, wenn ein Motor angesetzt wird. Kontrollierter Raum entsteht nur, wo und wann er gebraucht wird.

(> 64): Heidulf Gerngross: Individuelle Einrichtung zum Wohnen in einer Kommunalstruktur. Für die Herstellung in allen Details entwickelt.

(65): Konrad Frey: „Kuhwickel“ statt Bauernhof. Recherchen in der Fachliteratur zum Tierverhalten hatten ergeben, dass zur Rinderhaltung Gebäude nicht notwendig sind. Allerdings würden Rinder besser gedeihen und produzieren unter gewissen Temperatur- und Feuchtebedingungen.
So wird als Alternative zum Stallgebäude eine Art Technoanzug vorgeschlagen, in Kombination mit freistehenden technischen Anlagen der Ver- und Entsorgung. Das Konzept erlaubt minimalen Personaleinsatz bei maximaler Tierleistung: Tier-Mensch-Maschine.

(> 66, > 67): Konrad Frey mit Peter Thurner und Richard Gratl:
Wettbewerb Flughafen, ein Ankauf. Eine Infrastruktur für Großflughäfen, mit einem „Baukasten“ von Infill-Elementen, um jetzt und zukünftig verschiedene Abfertigungssysteme akkommodieren zu können. Das Programm war, den Transfer Straße/Flugzeug zu vereinfachen und zu verkürzen.
Räumliche Organisation in zwei Ebenen, mit einem „Drive-In-System“, das Zu- und Abfahrt direkt unterhalb des Flugzeugs ermöglicht.
Die Flugzeugebene besteht aus Rasterplatten 10 x 10 Meter. Durch Ausheben einer Platte und Einsetzen eines Treppen-/Aufzugelementes in die frei gewordene Öffnung können nach Bedarf Verbindungen zwischen den Ebenen hergestellt und verändert werden. „NON-ARCHITECTURE“.

(> 68): Heidulf Gerngross: Infrastruktur für Wohnen mit Bebauungsgrad 100 Prozent.

(> 69): Günther Domenig und Eilfried Huth: Ausstellungspavillon für Trigon im Stadtpark Graz: Die erste experimentelle Ausführung 1:1 des Konzepts von Primärstruktur mit Erschließungswegen und Wetterschutz, für variable Nutzung. Temporäre Architektur.

(> 70): Konrad Frey: Revitalisierung Kirchenblock Kaiser-Josef-Platz in Graz (Staatsprüfungsarbeit): Überlagerung und Collage verschiedener Einrichtungen: ein Unterflurparkdeck, Durchgangswege mit Shops, Soziallaboratorium auf hochgelegter Wiese, mit Kirche, Kindergarten, Seniorentreff und anderem sowie Wohnungen.
Heterogene räumliche Organisation aus voneinander unabhängigen Teilen in jeweils spezifischer Ausbildung.
Die Kirche ein Würfel als neutraler Raum, gebildet von einer hoch technisierten Außenhaut mit raumkonditionierenden Programmen für Lichtkontrolle, Ton-Emission, Farbe, Akustik, Temperatur, Geruch, Bild- und Schriftapplikation ...
Eine Raummacher-Jukebox: variable „Raumgestaltung“ durch die Nutzer. Vorgriff auf zukünftige Techniken, Raum medial zu erzeugen.

Die Zeit danach, die Folgegeneration an der Schule

Die nachkommenden StudentInnen waren stark beeinflusst von diesen Vorgaben. Soviel ich weiß, ist die ideologische Haltung in der Folge, ab etwa 1968, insbesondere von den Assistenten in die Lehre aufgenommen worden und war zunächst Bezugsrahmen für die Entwurfsarbeiten. Allmählich haben einige StudentInnen wieder eigene Herangehensweisen gewählt. Wenn da von einem Programm gesprochen werden kann, dann war es das Programm, sich von den „Vätern“ zu emanzipieren, also einmal etwas ganz anderes zu probieren. Einen eigenen Weg ist dann auch Peter Hellweger (schon mitwirkender Student in der „Gründerzeit“) gegangen, der die technoide Ideologie als zu eng empfunden und einen weiter reichenden, zeitunabhängigen Horizont gesucht hat. Engagierte StudentInnen haben ihn später als Hochschulassistent besonders prägend erlebt und geschätzt.

Noch ein aus der Folgegeneration herausragender Denker und Aufreißer ist zu nennen, der eine eigene antipodische Position eingenommen hat: Manfred Wolff-Plottegg. Dem Ernst und Eifer der vorangegangenen „Progressiven“ ist er mit Geist, Witz und Humor entgegengetreten. Keine Infrastrukturen und Kapseln mehr, das war ja schon gemacht. Mit durchdachten Projekten hat er die Respektlosigkeit seiner Vorgeneration noch weiter getrieben und die gängigen Paradigmen der traditionell-modernen Architektenschaft mit intelligentem Witz treffend ausgehebelt.

(> 71): Die Metamorphose einer Wohnung ist so ein Projekt. Auch war Plottegg der erste in Österreich, den Computer aus seiner Zeichnerrolle herauszuholen und zum Architekten selbst zu machen.

Verfasser / in:

Konrad Frey
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

Sat 16/03/2013

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Infobox

Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S.130-150), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner und Konrad Frey zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen. Am kommenden Sonntag erscheint in der Reihe "sonnTAG" der Essay "Wie beeinflusste der Strukturalismus die "Grazer Schule" der Architektur" von Eugen Gross, aus eben dieser Publikation.

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