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Bericht
Leerstandskonferenz 2015: Schule neu denken

Österreichs ländliche Regionen sind häufig von demographischem Wandel, Bevölkerungsrückgang und geringer bzw. sinkender SchülerInnenzahl betroffen. Schulschließungen, -zusammenlegungen und leerstehende Schulgebäude sind die Folge. Zudem werden auch Schulen in Betrieb nur unzureichend genutzt, denn bis zu 50 Prozent der Flächen sind Gangflächen und drei Viertel der Zeit stehen die Räume leer.

Wie kann auf diese Gegebenheiten reagiert werden? Was für Möglichkeiten gibt es, optimale räumliche Voraussetzungen für SchülerInnen und Lehrpersonal zu schaffen und überdies das Konzept von Schule, wie sie ist, von Grund auf kritisch zu hinterfragen? Wie können Schulgebäude auch abseits des Betriebs bespielt werden? Im Rahmen der Leerstandskonferenz 2015 diskutierten Vortragende aus den Bereichen Politik, Architektur, Raumplanung, Pädagogik etc. unter Moderation des  Architekturjournalisten Wojciech Czaja die Zukunft von Bildung, ihre räumlichen Anforderungen und die Potenziale ungenutzter Räume.

Bildungszentrum Donawitz – gemeinsam Schule transformieren
Auch Leoben, Standort der Konferenz, ist durch Strukturwandel in der Industrie von Schrumpfung betroffen und von einer Vielzahl von Leerständen geprägt. Die politisch Verantwortlichen der Stadt Leoben beschlossen, drei Schulen (Volksschule, Neue Mittelschule und Polytechnikum) im spätgründerzeitlichen Gebäude der bisherigen Hauptschule zusammenzuführen. Im Oktober 2013 konnte im Rahmen einer dreitägigen vor ort ideenwerkstatt unter Beteiligung der betroffenen NutzerInnen Ideen gesammelt, Konzepte erstellt und gemeinsam mit dem Planungsteam nonconform architektur vor ort eine Lösung entwickelt werden. Der Umbau beginnt im März 2015.
Die Besichtigung des Bildungszentrums Donawitz am ersten Tag der Konferenz vermittelte die Methode des partizipativen Prozesses der Ideenwerkstatt im Vorfeld der Planung, sowie die daraus entstandenen Entwurfskonzepte. Das bestehende Gebäude wird für die neuen Nutzungen adaptiert: Je zwei Klassen werden als Tandem-Klassenräume konzipiert, wobei mit der räumlichen Planung ein Rückgang des Frontalunterrichts angestrebt wird. Die großzügigen Gangflächen werden als Lern- und Pausenlandschaft aktiviert. Neue Öffnungen ermöglichen Durch- und Ausblicke und eine Belichtung der innenliegenden Räume. Ein eingeschoßiger Zubau im Innenhof beinhaltet Cafeteria und Bücherei und bildet das Zentrum der Schule.
Die Fusion der drei Schulen bietet die Chance, neue Formen des Lernens und Lehrens zu erproben, sich über Schultypen hinweg zu vernetzen und ein mögliches Vorzeigeprojekt für ähnliche Gebäudetypologien zu schaffen. Im September 2016 soll das Bildungszentrum Donawitz eröffnet werden.

Schule vernetzt sich – räumliche Potenziale nutzen
Unter dem Leitsatz Schule vernetzt sich wurde die Aktivierung der Schnittstelle Schule – Gemeinde diskutiert.

Neue Mittelschule Vorchdorf, OÖ
Der gemeinnützige Verein OTELO (Offenes Technologielabor) hat den Zweck, der Bevölkerung abseits urbaner Ballungsräume offene Räume für Aktivitäten an der Schnittstelle von Kunst, Technik und Medien zugänglich zu machen. OTELO Vorchdorf (OÖ) wurde 2012 als einer von zwölf Standorten gegründet und hat die Möglichkeit in Kooperation mit der Gemeinde unentgeltlich Räumlichkeiten der Neuen Mittelschule Vorchdorf zu nutzen. Die Praxis von Wissensaustausch und Vernetzung bietet auf vielen Ebenen einen Mehrwert für Gemeinde und Schule. Neben einem Workshop- und Veranstaltungsprogramm wird auch die Zusammenarbeit mit der Schule forciert (usergeneriertes Fernsehen, 3D Druck etc.). Durch die Kooperation mit OTELO könnten neue pädagogische Konzepte in den Schulalltag Eingang finden. Der zukünftige Bildungscampus Vorchdorf bietet die Möglichkeit einer weiteren Öffnung der Schule in Richtung Mehrfachnutzung und Vernetzung mit lokalen Vereinen, Institutionen und Betrieben. Im Oktober 2014 fand die vor ort ideenwerkstatt im Bildungscampus Vorchdorf statt – SchülerInnen und Lehrende entwickelten gemeinsam mit dem Team von nonconform vor ort Ideen und Visionen für ihre zukünftige Schule.

Schul- und Kulturzentrum Feldkirchen, OÖ
Das Modell Schule als Archipel – eine temporäre Dezentralisierung des Unterrichts während einer zweijährigen Baustellenphase – wurde von Michael Zinner (Forschungsschwerpunkt schulRAUMkultur) am Beispiel der Volksschule Feldkirchen (OÖ) präsentiert. Während der Unterricht üblicherweise während einer Umbauphase in Container verlegt wird, suchten die Verantwortlichen in Feldkirchen an der Donau nach einer kostengünstigeren Variante. Räumliche Ressourcen der Gemeinde wurden genutzt und die Schule wurde über das Ortsgebiet verteilt: Räume des Pfarrhofs, des Gemeindeamts, eines Horts und eines leerstehenden Betriebes wurden vorübergehend zu Klassenräumen transformiert. Ein räumlich verteiltes Netzwerk des Lernens (Christopher Alexander, 1995) entstand, in dem Kontakte geknüpft wurden und die Beteiligten eine Bereicherung auf vielen Ebenen erfuhren: “Die Volksschule wurde nach außen getragen“, betonte Hemma Fasch (fasch&fuchs.architekten). Seit Oktober 2014 findet der Unterricht im sanierten und zum Teil neu gebauten Schulzentrum Feldkirchen statt, das neben Volksschule und Neuer Mittelschule auch eine Musikschule beinhaltet und in ein Kulturzentrum übergeht.
Volks- und Neue Mittelschule teilen sich eine, durch das Dach belichtete Aula, die sich über alle Geschoße erstreckt und mit offener Bibliothek, Sitzarena, Lese- und Essbereichen unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten bietet. In einem Ersatzneubau versammeln sich die Klassen der Volksschule clusterförmig um je einen Marktplatz – eine offene Lernzone – und haben Zugang zu Bereichen, die eine Verlegung des Unterrichts ins Freie ermöglichen. Durch flexible Möbel wird eine Vielzahl an Raumkonstellationen und -Nutzungen ermöglicht. Das bestehende Gebäude der Neuen Mittelschule wurde generalsaniert.
Der Schulplatz, die mehrfachgenutzten Turnsäle, die angrenzende Musikschule sowie das Kulturzentrum bieten Schnittpunkte, an denen sich Schule und Gemeinde vernetzen können. Das Schul- und Kulturzentrum Feldkirchen von fasch&fuchs.architekten wurde 2014 mit dem Daidalos – Architekturpreis OÖ – ausgezeichnet und gilt als zukunftsweisendes Projekt.

Bewachung durch Bewohnung – ein Best Practice-Modell?
Neben gemeinnützig und solidarisch orientierten Projekten, die die Bedürfnisse von NutzerInnen berücksichtigen, Schule als öffentlichen Raum und Ort des (Wissens-) Austausches verstehen und sich durch partizipative Ideenfindungsprozesse für die Nutzung von Leerständen auszeichnen, wurde auf der Leerstandskonferenz 2015 auch das Hauswächter-Zwischennutzungsprojekt des niederländischen Unternehmens Camelot als Best Practice-Modell angeführt.
Unter dem Motto Bewachung durch Bewohnung bietet Camelot in sechs Ländern EigentümerInnen von Immobilien Leerstandsmanagement für „Zeiträume von wenigen Monaten bis zu 10 Jahren“ an. Leerstehende Gebäude – darunter auch Schulen – werden temporär von mehreren so genannten Hauswächtern bewohnt, die für die Bewachung der Immobilie verantwortlich zeichnen und gegen eine „geringe Gebühr“ das Gebäude „gegen Vandalismus, Hausbesetzung, illegales Müllabladen und Wertverfall“ schützen. An die Stelle eines Mietvertrags tritt eine Überlassungsvereinbarung, wobei die BewohnerInnen die Gebühren selbst zu tragen haben. Durch das Umgehen eines Mietvertrags können unangekündigte Kontrollen des Objekts stattfinden und eine kurzfristige Kündigung wird ermöglicht – die Frist beträgt vier Wochen. Zusätzlich müssen sich die BewohnerInnen an die strenge Hausordnung halten – bei Nichteinhaltung müssen Bußgelder bezahlt werden.
In Anbetracht der entrechteten Situation, der persönlichen Einschränkungen und der Gebühren, die die BewohnerInnen zu leisten haben, kann nicht von einer Win-Win-Situation gesprochen werden. ImmobilienbesitzerInnen und das Unternehmen Camelot schlagen aus den oftmals prekären Lebenssituationen der BewohnerInnen Profit. Das aus den Niederlanden stammende Konzept der legalen Hausbesetzung wurde von Camelot in ein profitorientiertes Modell umgewandelt, das sich nach den Anforderungen eines neoliberalen Marktes richtet und mit problematischen Methoden von Leerständen profitiert.

Aus der Leere die Fülle
Ein Fazit nach den zwei Tagen der Konferenz: Leerstände, die oftmals als räumliche Ausformungen des Scheiterns begriffen werden, bieten die Möglichkeit, eingefahrene Strukturen, Denkmuster, als auch die damit einhergehenden (Schul-)Räume zu überdenken. „Es braucht ein Aufbrechen der Strukturen“, so Brigitte Rechberger, Direktorin der Volksschule Feldkirchen: „Wir müssen gemeinsam nachdenken und daran arbeiten, wie wir Kinder in ihre Zukunft begleiten können.“
Leerstände bieten die Chance, sich im Prozess ihrer Reaktivierung auf Kooperationen und unübliche Vorgangsweisen einzulassen und „die eigene Perspektive gegenüber anderen Meinungen und Bedürfnissen zu öffnen“ (Ursula Spannberger, RAUM.WERTcc) um gemeinsam – unter Beteiligung unterschiedlicher Interessensgruppen – neue Strategien zu erproben und Visionäres entstehen zu lassen.

Verfasser / in:

Adina Felicitas Camhy

Datum:

Thu 29/01/2015

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Leerstandskonferenz 2015
15. – 16. Jänner 2015
Kunsthalle Leoben.
Thema: Auslastung: Nicht genügend! Schulen und ihre ungenutzen räumlichen Potenziale.

Veranstaltet vom Wiener Architekturbüro nonconform architektur vor ort, konzipiert in Kooperation mit Ass. Prof. Michael Zinner (Kunstuniversität Linz, Forschungsschwerpunkt schulRAUMkultur) und dem Architekturjournalisten Wojciech Czaja.

Best Practice in Leoben (Stmk), Vorchdorf (OÖ) und Feldkirchen (OÖ).

 

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