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Louis Le Roy in seinem wilden Garten
©: Stichting Tijd

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Bericht
Louis Le Roy
Das andere Bauen – Der Ökokathedrale Prozess

Louis Gulliaume Le Roy (*31.Oktober 1924 + 15. Juli 2012) war ein niederländischer Künstler und Ökopionier. Er studierte an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Den Haag und unterrichtete ab 1951 bis 1980 Kunst im Gymnasium in Heerenveen. Die kleine Stadt im Süden von Friesland wurde zu seinem Lebensmittelpunkt. 

Le Roy beschäftigte sich Zeit seines Lebens intensiv mit Kunst, Ökologie, Selbstorganisation, Komplexität, Chaos und Ordnung. Gestaltungsfreiheit des Menschen innerhalb seines Lebensmilieus war für ihn Voraussetzung für dessen kreative Evolution. In diesem Sinne versuchte er ab den 60er Jahren Projekte im öffentlichen Raum umzusetzen. Jedoch scheiterten viele der Versuche seitens der Politik an der Forderung Le Roys nach Partizipation, einer prozesshaften Entwicklung und langen Zeiträumen. 
Nur in Mildam konnte Le Roy ungestört arbeiten und seine Philosophie in äußerster Konsequenz zum Ausdruck bringen und es entstand die erste Ökokathedrale. 

Eine Ökokathedrale ist eine ökologische, landschaftlich gestaltete oder städtische Struktur, die sich in Raum und Zeit zu ihrer höchsten Entwicklungsform wandelt. Sie kann sich in Raum und Zeit unendlich ausbreiten. Sie basiert auf dem Zusammenspiel von Menschen, Tieren und Pflanzen. Der Ökokathedrale-Prozess ist ein natürlicher Prozess, was bedeutet, dass komplexe Strukturen durch Selbstorganisation entstehen. Das Wort Kathedrale ist eine Metapher für den evolutionären Prozess der kreativen Entfaltung. Dabei ist die Fähigkeit der Natur gemeint, Neues zu erschaffen. Der Mensch als Teil der Natur ist aufgefordert sich kreativ zu entfalten. Wie Flora und Fauna ist er alleine durch den Einsatz von freier Energie am kreativen Schaffensprozess beteiligt.

1965 kaufte Le Roy ein 4 Hektar großes Grundstück in Mildam. Aufgrund der bis dato herrschenden extensiven Beweidung und Stickstoffdüngung war der Boden ausgelaugt.
Die ersten Eingriffe sollten natürliche Prozesse entfachen und antreiben. Le Roy streute willkürlich Samen und pflanzte hunderte Bäume. Danach blieb das Terrain einige Jahre unberührt. Das gesamte abgeschnittene, abgestorbene Pflanzenmaterial blieb an Ort und Stelle liegen. Durch Anhäufung dieses Materials und unkontrollierte Entfaltung von Pflanzen und Tieren bildeten sich vielfältige Strukturen. So konnte eine maximal differenzierte, chaotische Landschaft entstehen – ein wilder Garten.

1980 wurden die ersten Fuhren Bauschutt auf das Grundstück gebracht. Damit begann ein dauerhafter Prozess der Anhäufung von Abbruch und Restmaterial. Strukturen von ehemaligen Gebäuden und Straßen der Stadt wurden demontiert. Was normalerweise als Zivilisationsabfall auf Deponien landete, wurde nach Mildam gebracht und erfuhr dort eine Umwertung. Chaos und Unordnung waren hier willkommen. 
Die Schutthäufen zerfielen schließlich zu immer mehr losen Steinen und Sand. Währenddessen bildeten sich neue Strukturen. Flechten und Moose siedelten sich an. Langsam wurden die chaotischen Überreste in natürliche Prozesse integriert. Verfall und Wachstum fanden gleichzeitig statt. Auch Le Roys Eingriffe in die Landschaft veränderten sich in den 80ern. Durch Anhäufungen, durch das Ausgraben von Gräben, Ummauerungen von Wasserstellen und Terrassen griff er gestalterisch in die Landschaft ein. Im Laufe der Zeit veränderten sich die gestapelten Strukturen hin zum Architektonischen. Es entstanden größere Mauern, Türme, eine künstliche Topographie. 

Die ökologischen Effekte – das Entstehen von Biodiversität – waren zurückzuführen auf die Konstruktionstechnik. Alle Bauwerke bis auf das Atelier (1973) wurden ohne Zement gebaut. Sowohl auf makroskopischer wie mikroskopischer Ebene entstand ein vielfältiges Relief. Die Strukturen aus Ebenen, Fundamenten, Stufen, Türmen und Mauern bestanden aus lose gestapelten Bruchstücken, die viele Nischen und Mikronischen erzeugten. Vielfältige Mikroklimata bildeten den Rahmen für Biodiversität.
Die Zeiträume, die zwischen den einzelnen Bauphasen vergingen, ermöglichten spontanes Wachstum von Vegetation und den ungestörten Einzug von Tieren in unterschiedlichste Zwischenräume. Durch die Verwendung von losem Material konnten die Strukturen ständig verformt werden. Wachstum in Raum und Zeit wurde möglich. Le Roy reagierte auf das Wachstum der Pflanzen und den Lebensraum der Tiere.

Le Roy baute spontan, ganz ohne Baupläne. Die ersten LKW-Fuhren, die Reste des ehemaligen Heerenveener Gefängnisses transportierten, wurden im Eingangsbereich des Terrains deponiert. Die allergrößten Schuttbrocken blieben an Ort und Stelle liegen und wurden zu Ausgangspunkten der gebauten Strukturen. In Reaktion auf das Wachstum der Vegetation und das Fortschreiten der Bauarbeiten wuchs eine Straße zum Transport des Bauschutts in das Terrain hinein. Gegebenheiten bzw. Zufälle, wie die Koordinaten der größten Schuttbrocken, die Entfaltung von Flora und Fauna, waren für Le Roy Inspirationsquellen. Auch Bauaktivitäten von anderen Menschen, die ab den 90ern dazu eingeladen waren mitzuarbeiten, sich auf dem Terrain frei zu entfalten, waren Einladungen zu reagieren.

So wie nachfolgende Generationen an der Ökokathedrale in Mildam weiterbauen, war es Le Roys Traum, dass dieser generationsübergreifende Prozess in öffentlichen Räumen stattfinden würde. Symbiotische Doppelstädte und -dörfer sollten entstehen. Auf diese Weise würden Menschen die Möglichkeit bekommen, sich gemeinsam an der Entfaltung einer neuen Kultur zu beteiligen. Das Leitmotiv dieser neuen Kultur ist die Fusion von Kultur und Natur.

Verfasser / in:

Elisabeth Leitner

Datum:

Mon 02/02/2015

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Kommentare

Sehr interessante studie von

Sehr interessante studie von Elisabeth Leitner!
Mehr information über Louis Le Roy finden Sie auf die seiten http://www.stichtingtijd.nl und http://www.ecokathedral.nl

Correction

Die url muss http://www.ecokathedraal.nl sein.

Infobox

gat.st veröffentlicht in der Serie young theory  Diplomarbeiten und Dissertationen, die im Zusammenhang mit Architektur, Städtebau und Umwelt stehen.

Louis Le Roy – Das andere Bauen von Elisabeth Leitner ist 2014 als Diplomarbeit an der TU Graz entstanden. Die Arbeit wurde von Simone Hain, Leiterin des Instituts für Stadt- und Baugeschichte, betreut.

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