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Mach nur einen Plan

Menschen werden geboren, wachsen auf, verlieben sich, kaufen sich billige Möbel und ziehen zusammen, arbeiten für Geld oder eine gute Sache oder für sich, sind erfolgreich und ziehen in eine größere Wohnung oder ein Haus, kaufen sich Möbel, denen man ansieht, wie teuer sie waren, oder die extra so aussehen, als kämen sie vom Sperrmüll, ziehen auseinander, streiten sich um das Kind, fahren mehrmals im SUV mit 90 durchs Wohngebiet, stehen vor Gericht, finden zu Gott, bereuen ihr Leben, beginnen von vorn, finden neue Freunde, haben noch so viel vor, sterben völlig unerwartet an den Folgen einer Erkältung. Das ist das Leben. Und es passiert nicht nur für alle gleichzeitig, sondern zumeist auch noch auf engstem Raum. Denn die Mehrheit der Menschen lebt in der Stadt, wo sich all diese Leben zu einem Netz verbinden, an dessen Beschreibung Dichter und Denker gescheitert sind. Die Stadt ist ein Ort der Selbstorganisation, angetrieben vom Zufall und komplexer sozialer Kybernetik. Und dann: Stadtplanung! Ein Plan für einen solchen Ort? Für all diese Leben? Schon das Wort ist eine Anmaßung.

Stadtplaner hat die Unwägbarkeit des Lebens, dem sie einen Rahmen geben sollen, allerdings noch nie gestört. Tatsächlich interessierten sie sich in der Vergangenheit nur selten für das Leben. Meist ging es bloß um seine materiellen Grundlagen, um Wasserversorgung, Kanalisation, Verkehrslenkung, Elektrizität, Licht, Luft. Häufig sollten Städte auch Ideale symbolisieren: Streng geometrische Stadtpläne stellten die Vernunft des Menschen dar, sternförmig auf einen Palast zulaufende Straßen unterstrichen die Macht des Herrschers, futuristisch anmutende Metropolen mit weiten Straßen und modernster Architektur setzten Zeichen des Neuanfangs oder gar, vor allem im sogenannten Sozialismus, der historischen Umwälzung. Nur das Leben der Menschen war in all diesen Plänen selten ein Thema.

Und das wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht besser. Neue Modellstädte, wie etwa Brasiliens Hauptstadt Brasilia, gelten als menschenfeindlich, moderne Plattenbausiedlungen sind oft soziale Brennpunkte. Beliebt sind dagegen die alten Innenstädte, die über Jahrhunderte ungeordnet vor sich hin wucherten. Eine Mitarbeiterin einer Wohnungsbaugesellschaft, mit der ich über Wohnsiedlungen sprach, erzählte von einer Siedlung, „wo wir eigentlich alles richtig gemacht haben – aber funktionieren tut sie trotzdem nicht“. Viele Stadtplaner ignorieren es, aber die Wahrheit ist: Die Stadtplanung ist in einer Sackgasse.

„Ich habe nie verstanden, warum die Stadtplanung in den Sechzigerjahren auf dieses Nutzungssyndrom eingestiegen ist – dass Arbeiten und Wohnen in verschiedene Stadtteile gehören.“ Andreas Feldtkeller schüttelt ratlos den Kopf. Man könnte dem ehemaligen Leiter des Stadtsanierungsamtes Tübingen Koketterie unterstellen, denn selbstverständlich weiß er als Profi ganz genau, welche Wege die Stadtplanung aus welchen Gründen genommen hat. Aber der 80-Jährige, der locker als Mittsechziger durchgehen könnte, hat einen guten Grund für seine Weigerung, zu verstehen: Erfahrung. ...

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

Datum:

Sun 31/08/2014

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Stadtplanung ist die Königsdisziplin der Architektur. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis wird sie heute eher zu einer Art Zehnkampf mit den Schwerpunkten Psychologie und Kommunikation.

Der Artikel von Peter Lau erschien im Magazin brand eins Wissen

Leseempfehlung:
Zur Alltagstauglichkeit unserer Städte von Andreas Feldtkeller, ehemaliger Leiter des Stadtsanierungsamtes Tübingen

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