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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

In welcher Luft liegt was?

Mir ist so komisch zumute

Ich ahne und vermute

es liegt was in der Luft

ein ganz besond'rer Duft

der liegt heut' in der Luft
Götz Alsmann

Verstehen Sie mich nicht zu schnell!
Andre Gilde zu Paul Claudel

   Krieg ist Gewohnheitssache. Rapider Wechsel von Herumwarterei und Rasanz, vollkommener Stille und soviel Lärm, dass es zuviel wird für einen Menschen mit seinem Bisschen Trommelfell. Einmal Staub, einmal schmatzender Morast, immer zur falschen Zeit. Im Nachhinein ist alles folgerichtig und klar und hätte anders gar nicht kommen können. Und sonst Läuse und Saufen, natürlich, was sonst.
   Krieg ist, wenn die Kugeln singen. Singen? Ja, singen. Die Kugeln singen.
   Krieg ist: gerade, wenn man schweigen will, und das will man die meiste Zeit, überfallen zu werden von eigenen Worten. Sie lassen sich nicht halten. Ein Zwang, der immer wieder kommt und manchmal peinlich wird. Von diesen Worten bleibt nichts als ein tagelang klebriger Mund.
   Krieg ist Geruch wie nasse Hunde und nach Filz und nach Benzin, trotz des Treibstoffmangels.
   Krieg ist, wenn die Gesichter sich verschließen. Nicht wissen, was mit dem eigenen los ist. Und es auch nicht wissen wollen.
   Krieg ist Müdigkeit. Die Füße werden wichtig. Der Tag ist ganz anders als der vorige und wird im Nachhinein gleich und wie alle.
   Krieg hat Episches und ist meist ohne Worte. Es gibt kaum Zeit, es gibt nur noch Ort. Inmitten historischer Ereignisse wird ein Furunkel im Genick, an dem der Kragen scheuert, schlimmer als Krieg.
   Krieg ist sehr viel an ganz: ganz eng an die Wand gedrückt, Gesprächsfetzen von ganz nah, geflüstert, dann wieder ganz fern. Dann ganz plötzlich durchdringendes Schreien und Stille, auf einmal, so lang, dass man ungeduldig auf ihr Ende wartet, ganz ungeduldig.
   Krieg ist,  wenn die Vögel schlagen und die Grillen machen, was sie machen, eine auf die Welt geworfene Maschine, hat nichts mit dir zu tun, hat sich selbst geboren und frisst sich gerade durch alle und durch sich. Jedenfalls war das alles ohne Ursprung plötzlich da. Und hat auch dich erfasst.
   Krieg ist hysterisch. Krieg ist lakonisch. Krieg ist eine Tautologie.
   Krieg ist immer eins aus dem anderen, Schritt für Schritt. Jeder Wahnsinn hat ein Muster, worauf du dich verlassen kannst. Ob das erkannt ist oder nicht, macht keinen Unterschied.
   Krieg ist besonders für den Brillenträger lästig.
   Krieg ist: in einem ausgebrannten Dorf, seltsam verrenkte Tote in den Vorgärten, diese ausgesprochene Sicherheit, als sei da endlich etwas lang Ersehntes in Erfüllung gegangen, als hätte ein Wunsch seine Form gefunden, als könne einem nichts passieren als höchstens ein läppischer Tod. Manchmal das Verlangen nach so etwas wie Gott, doch der könnte Fragen stellen.
   Krieg ist: die Fotos seiner Lieben ansehn wie mit Vorbehalt, sie nicht infizieren wollen mit diesem Rundum, das von dir Besitz ergriffen hat. Bald sind sie abgegriffen. Beim Heimaturlaub dann, statt ruhig durchzuatmen wie ersehnt, mit Ungeduld und Bitterkeit bemerken, dass die Lieben sich verändert haben. Alles andre Vertraute ebenfalls. Dass es bald wieder an die Front geht, ist auch eine Erleichterung. Wahrscheinlich für alle.
   Krieg: wenn er vorbei ist, wird er dir fehlen. Nicht das Morden ringsum, auch nicht das Gefühl von Unbesiegbarkeit, wenn man wieder einmal nicht erwischt worden ist von einer Granate, es fehlen vor allem seine Geräusche. Die Musik des Krieges und der ganze Gleichklang. Man verfällt danach in eine Apathie, als sei Krieg das eigentliche Leben gewesen. Nie mehr gibt es so viel Intensität.
   Krieg ist später auch: als hätte man lauter sinnlose Erfahrungen gemacht, nutzloses Wissen angesammelt, unbrauchbar für die Friedenszeiten. Lauter Zeug, das keiner haben will, worauf niemand neugierig ist. Du wirst wie alle alten Soldaten, du wirst verstummen. Höchstens im Suff bricht dein Krieg wieder aus. Die anderen ekeln sich vor dir. Oder sie lachen.
   Krieg ist: dauernd bleibt irgendwo irgendwas stecken und muss irgendwie aus einem Dreck gezogen werden. Ein beschissenes Auto im beschissenen Schlamm - der einzige Sinn des beschissenen Lebens. Ein brennender Lastwagen, der blöd herumsteht, alle Viere von sich gestreckt und röchelnd.
   Krieg ist: ob man tötet oder getötet wird, heute zu Zigaretten kommt oder nicht, auf eine Mine tritt, das wird im Grunde egal. Man schuldet niemandem etwas, nicht einmal dem Krieg.
   Krieg ist: bei geschlossenen Augen kommt er wieder so heftig in dich, dass es auch nicht hilft, sie offenzuhalten gegen den ersehnten schlimmen Schlaf. Unvorstellbar, so etwas vergessen zu können. Man vergisst es dann doch, und im Gedächtnis bleibt bloß ein blödsinniger Lastwagen in Flammen.
   Krieg ist am häufigsten etliche Stunden vor Sonnenaufgang, und das Metall so kalt, dass man dran kleben bleibt.
   Krieg ist, wovon man nicht weiß: Wirkung oder Ursache? Die Gewissheit aber gilt: bevor der Krieg begriffen ist, geht schon der nächste los.
   Krieg ist, wenn Ortstafeln vorbeirollen und Ruinen, und ab irgendeiner nur das gleichgültige Na und? Dann nicht einmal mehr das.
   Krieg ist, wenn Vorurteile stimmen. Wo man hinhört, wo man hinsieht, wo man hinschießt.
   Krieg ist Irrtum. Im Erwachen findest du dich in der umfassenden Idylle, holst eine ganze Brust voll Luft und spürst dich angenehm bis in die Fingerkuppen. Der Irrtum ist kurz, von Dauer das Kopfschütteln darüber.
   Krieg: Feindpropaganda, Gegenpropaganda, Propaganda allenfalls. Greuelgeschichten von allen Seiten, viele und so wüst, dass einen bald nichts überrascht. Alles ist wie beim Lotto möglich. Immer seltener wird von den geschilderten Details der Mund wie voller Spinnweben, man lacht nur einmal kurz darüber, kläffend.
   Krieg, wenn fortgeschritten, ist auch: keinem trauen, auch nicht sich. Schweigen, vor allem vor sich. Das Schließen der Augen kann ins Paradies führen. So oder so.
   Krieg ist Lernen, dass dem allerersten Gefühl sofort zu folgen ist. Sofort. Überlegst du nur einen Augenblick zu lang und wägst du ab - ist es schon falsch gewesen und zu spät.
   Krieg ist: im späteren Frieden, den es nie mehr geben wird, ist er in dir. Beim Gehen oder Fahren durch die Landschaften und Städte stets erkennen: hier eine gute Deckung an der Gartenmauer, vorn bei der Garage die bessre. Hier Plätze für die Flak, hier ein idealer Hinterhalt. Pass auf. Du wirst bereit, dich ewig durchzuschlagen, nur ist vergessen wofür.
   Krieg ist: alles verstehen. Es gibt nichts zu verstehen.
   Krieg, zwischendurch: endlich hätte man Zeit, sich zu rasieren, und wird es nicht tun. Worte, die hier selbstverständlich sind, stehen bald unter einem Tabu. Immer wieder wird es dir passieren, dass sie dir passieren.
   Krieg ist Alltag. Kaum zu glauben, dass dies alles später einmal die wichtigste Zeit des Lebens werden sollte und einen mehr prägt als alles andere, weil daneben nichts bleibt.
   Etc.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 17/02/2015

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Zur Person:

Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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