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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Und i bin dem
Oasch sei Abszess
Helmut Qualtinger

Tok-tok-tok-tok-tok-tok

Als würde dir mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Tok-tok-tok. Rund um die Uhr, nicht pausenlos, aber immer wieder. Tok-tok-tok. Es ist die Blindenampel unter dem Fenster. Man wird natürlich sagen, so eine Blindenampel – tok-tok-tok – sei grundsätzlich – tok-tok-tok – gut, weil da jeder Blinde sicher über die Straße kommt, wenn er auf den Knopf drückt und dann weiß, dass er beim Tok-tok-tok hinübergehen kann wie von Engelein geleitet. Tok-tok-tok.

Nur drücken nicht nur die Blinden, sondern eigentlich alle, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Die Leute bilden sich offenbar ein, sie könnten die Ampelei auf der Kreuzung beeinflussen und dadurch im Leben schneller weiterkommen. Auf einen – tot-tok-tok – Blinden kommen geschätzte zwölf – tok-tok-tok – Millionen andere. Und so geht es allweil dahin: Tok-tok-tok-tok-tok-tok...

Wird es Ihnen beim Lesen von Tok-tok-tok zu viel mit dem Tok-tok-tok? Fühlen Sie jetzt, wie es mir geht? Eine gewisse Zermürbung? Die Schlaflosigkeit? Die Kaputtheit? Die Aussichtslosigkeit, dass sich da etwas ändert? Die Verbitterung?

Dabei – tok-tok-tok – gehe ich – tok-tok-tok – mit dem Lärm unter dem Fenster ohnehin subjektiv um, wie wahrscheinlich jeder Mensch. Beim Umpf-umpf-umpf aus den Autos jugendlicher Angeber werde ich etwas ungeduldig, aber wenn der Löschzug der Feuerwehr viel lauter vorbeidonnert, ein Wagen nach dem anderen, und so, dass die Fassaden vom Karacho zurückschrecken, denke ich: „Burschen, macht´s es gut und kommt dann gut heim.“

Beim Drücken des Blindenampelknopfs macht es wie beim Reversieren eines Lastwa-pieps-gens. Und nachher macht es tok-tok-tok. Und wenn ein Zappelphilipp dreimal – pieps-pieps-pieps – drückt, dauert das Tok-tok-tok dann drei Ampelphasen lang. Ich habe die Leute vom Magistrat beflennt, diese Tok-tok-tok-Ampeln entsprechend – tok-tok-tok – zu kennzeichnen, das ginge ja locker, damit wirklich nur Blinde, pieps, drücken. Man hat mich – tok-tok-tok – mit dem üblichen pieps-Schmus abgefertigt, mit dem bestallte Beamte die Leute gewöhnlich wegwischen, wenn die um etwas bitten. Der Terror hält an. Und die Passanten drücken weiter alle – tok-tok-tok – wie dressierte Affen und wissen nicht, was sie tun. Und was sie mir antun.

Ich wäre ja auch für die Lösung, dass jeder Blinde, der unter meinem Fenster über die Straße will, mich anruft, daheim, auch mitten in der Nacht. Dann ziehe ich mir sofort die Schuhe an und trage ihn wie Christophorus, sobald es bei der bitte endlich stillen Ampel grün wird, auf meinen Schultern seinem Ziel entgegen.

Können – tok-tok-tok – Sie sich vorstellen, wie beim Tok-tok-tok das Leben sich anfühlt und wie man sich – tok-tok-tok – da konzentrieren kann? Und wie – tok-tok-tok – ein Alltag ist, der sich nur bei ständig geschlossenen Fenstern oder mit – tok-tok-tok – Ohropax ertragen lässt?

Dabei wäre die Erlösung vom Terror so leicht, nur pfeift der magistrale DI (aber FH) darauf. Und beim Beenden dieser Geschichte ist es zwei Uhr nachts. Es macht tok-tok-tok. Dabei ist da unter meinem Fenster schon lang kein Passant mehr – tok-tok-tok – unterwegs gewesen. Der Schlaf ist wieder dahin, ich bin verzweifelt und habe nur die Gewissheit, dass es so – tok-tok-tok – weitergeht.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 16/08/2016

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Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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