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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

"Was kümmert mich das Wörtliche."
(Robert Menasse)

"Und seien Sie möglichst geistreich!"
(aus „Avatar“)

"Wer leicht rot wird, sollte beim Lügen
Grün tragen."
(Yves Saint Laurent)

"Ein Pfeil ist die Wahrheit,
giftig dem eiligen Schützen."
(Heiner Müller)

"Robert Menasse ist geblieben, was er
von Anfang an war: eine aufgeblasene
Knalltüte."
(Thomas Rietzschel)

"Muss man wirklich so deutlich werden?"
(Michel Houellebecq)

Einiges über Zustände und Haltungen, oder?

Kommenden Freitag wird Mainz wieder singen und lachen. Einer lacht sich ins Fäustchen: Robert Menasse, der Lügner. Die „Presse“ titelt: "Menasse bekommt Zuckmayer-Medaille trotz Kritik am Umgang mit Zitaten“. Aha, man suggeriert mir da: Die Ehrung hätte man ihm wegen der Kritik verweigern können – und nicht, weil er nachweislich gelogen hat, sollen. Oder eher: müssen. So ein Zeitungstitel sagt einiges aus über Zustand und Haltung der vierten Gewalt, oder? Die ist hier eher mein Thema als ein Autor, von dem ich nie etwas gehalten habe.

Menasse zitierte den CDU-Politiker Walter Hallstein mit einem Satz, den dieser nie gesagt hat. Und er behauptete, Hallstein hätte die Antrittsrede als Präsident der EWG-Kommission in Auschwitz gehalten. Wieder gelogen. Als dies bekannt wurde, meinten manche, diese Lügen seien ja gut gemeint, die Gründungsgeschichte der EU werde "verschönert“ (so die ZEIT). Wenn dem so ist, dann ist sie ein Lügengebäude. Noch Unbedarftere sagen, die Dichtung dürfe schlichtweg alles.

Letzteres stimmt natürlich, doch der Verschönerer hat dies nicht als Dichter getan, sondern als politischer Essayist, nicht in der Lyrikspalte, sondern im Wirtschaftsteil der FAZ. Da gelten andere Kriterien als in der Belletristik, da zählen Fakten, nicht Fakes. Seine Co-Autorin Ulrike Guerot erkannte den Betrug, hätte aber "nicht genügend Autorität und Souveränität gehabt“, um ihn zu verhindern. Sagt einiges aus über Zustand und Haltung der Politikwissenschaft, oder? Der entlarvte Menasse schrieb dann nicht: "Ich habe mich geirrt, ich bitte um Verzeihung.“ Da wäre man zur Tagesordnung übergegangen, Schwamm drüber. Doch er fiel geradezu aggressiv über jene her, die ihn zu rügen wagten, und verstieg sich zu entlarvenden und schaurigen Postulaten – siehe oberstes Zitat.

Ich bin einer, der für das Wort und vom Wort lebt, das ist mein Beruf. Als Dichter dichte ich drauflos – und legte Daedalos und Ödipus´ Mama Iocaste schamlos erfundene Zitate in den Mund. Als Journalist bin ich jedoch dem Wortwörtlichen und dem Belegbaren verpflichtet. Das gehört einfach zur redlichen Arbeit. Darauf basiert jegliches Vertrauen, das man mir entgegenbringt – ein Wert, der niemals aufs Spiel gesetzt werden darf. Natürlich habe ich im werktätigen Leben bona fide Fehler gemacht und Böcke geschossen – die Sache aber post festum richtiggestellt und zerknirscht um Verzeihung gebeten. Doch wenn unsereins „das Wörtliche“ nicht achtet, dürfen wir uns über den Vorwurf der Lügenpresse und das Misstrauen nicht wundern. Auch der Verdacht der Küngelei unter „Eliten“ ist nicht von der Hand zu weisen: Iris Radisch zupft in der ZEIT den Wortverdreher fast zärtlich am Ohr. Gerade, dass sie nicht „Du lieber Schlingel, du!“ titelt. Und sie deliriert, Menasse sei – man reibt sich fassungslos die Augen und vermeint zu delirieren – "ein bedeutender europäischer Intellektueller“.
Sagt das was aus über Zustand und Haltung des Feuilletons oder eher jener der europäischen Intellektuellen? Diesen Fabulierer zu hätscheln hat bei ihr Tradition. So schrieb sie in der Rezension von Die Vertreibung aus der Hölle, es gebe zwar einiges zu bekritteln, aber es sei möglich, „Autoren auch für das zu loben, was sie sich vorgenommen haben, und nicht nur für das, was sie erreicht haben.“ Sagt einiges aus über Zustand und Haltung der Kritik in Qualitäts-hähähä-medien, oder? 

Den Gipfel der Schamlosigkeit erklimmt Menasse mit der Stellungnahme in der „Presse“. Da windet er sich, da beschwört er Thesen, die gar nicht zur Debatte stehen, da wird er pathetisch, da höhnt und schleimt und räsoniert er herum und betreibt eine widerwärtige Täter-Opfer-Schubumkehr. Und versteigt sich im rechthaberischen Finale – wohl um die Leser in den Schulterschluss mit ihm zu zwingen – zur Behauptung, wer ihm Fälschung vorwerfe, liefere den Rechtsextremen Stoff. Schon wieder falsch, geehrter Fälscher! Den Rechtsextremen liefert Stoff, wer sich so verhält wie Sie.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 15/01/2019

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Kommentare

Was darf der Journalist Grilj?

1. Warum "geehrter Fälscher", wenn sie ihn nicht mögen und ihn davor nur schlechtmachen?
2. Der Schriftsteller Menasse hat immer Stellung bezogen zur Politik Europas und auch zu der in Österreich - und das für viele, auch für mich, sehr fundiert und gut. Warum aberkennen Sie ihm ohne jegliche Begründung die Bezeichnung (Iris Radisch) "europäischer Intellektueller"? Ist das journalistische Genauigkeit und Korrektheit?
3. Menasse hat in seinem Roman "Die europäische Hauptstadt" falsch zitiert oder, wie er es sagt, sinngemäß, aber nicht wörtlich. Eben als Dichter, so wie Sie selbst betonen, dass Sie als solcher "und legte Daedalos und Ödipus´ Mama Iocaste schamlos erfundene Zitate in den Mund".
Was also jetzt? Sie dürfen, bewusst und noch dazu schamlos, und Menasse darf nicht das dem Hallstein in den Mund legen, was dieser unbestritten sinngemäß gesagt hat.
Anders zitiert wäre Ihr Satz, dem Lesefluss geschuldet, so: Man schreibt, dass Sie als solcher "Daedalos und Ödipus´ Mama Iocaste schamlos erfundene Zitate in den Mund legten". Und schon geändert, also wörtlich falsch zitiert, oder nicht.
Man kann natürlich den Zustand des deutsche Feuilleton beklagen und auf Iris Radisch explizit einschlagen, aber bitte mit Gegenargumenten und nicht blind und generell. Oder darf Grilj, der Journalist, das in einer Kolumne oder Glosse unwidersprochen?

olga

Ad 1: Er wird mit der Zuckmayer-Medaille geehrt.
Ad 2: Das war durchaus polemisch und ist sowohl legitim als auch bei einem, der so gern austeilt wie Menasse, angebracht.
Ad 3: Ich habe deutlich unterschieden zwischen Belletristik und politischem Essay. Den Roman habe ich nicht erwähnt, wohl aber, daß Menasse die Zitat-Fälschung in einem Essay für die FAZ betrieben hat.
Meine Daedalos- und Iocaste-Monologe habe ich, wie deutlich deklariert, nicht als Journalist geschrieben, sondern als Dramatiker.

Nebenbei frage ich mich, was schlimmer ist: aufgrund von falschen Interpretationen attackiert oder gelobt zu werden. Ich glaube, zweiteres ist peinlicher.

Infobox

Einiges über Zustände und Haltungen, oder?

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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