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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Vergilbte Reste aus der Bonboniere

Drüben, auf dem Klavier, liegt der Deckel einer Mon Cherie-Schachtel. In den werfe ich im Vorbeigehen gelegentlich Zettel, Bierdeckel oder Kassabons, auf die ich schnell etwas gekritzelt habe. Es sind Notizen, Fragen, Zitate, aufgeschnappte Worte, Gedanken oder vielmehr „Gedanken“. Im illusionären Glauben, ich könne dies alles „irgendwann für irgendetwas brauchen“. Meist kommt es in den Küchenherd. Vorher schaut man es noch an und sagt, sofern man das Gekratzel entziffern kann, „Ts-ts-ts“. Bevor es also in das Osterfeuer kommt, leere ich die Bonboniere ungeniert vor Ihnen aus:

Wieviel muss man verstehen, damit man versteht?
 
Migräne. Schädel – wenn du implodieren oder explodieren willst, dann mach´s! Aber nicht dieses quälende „als ob“.

Hans Magnus Enzensberger: „Man sieht manches, wenn das Licht ausgeht.“

Im Vorbeigehen sehe ich im Spiegel meinen Großvater. Er ist seit 40 Jahren tot. Warum verstellt er sich als mein Ich? Und worauf weist er mich hin?

Wovon hängt die Form ab, in die man sich begibt – und der man sich fügt? Wähle ich die Form oder sie mich? (Nanana, spiel dich nicht so auf!)

Time Magazine 1938. Man of the Year: Adolf Hitler.

Ich muss mich manchmal vor den Funden und Ergebnissen des eigenen Denkens – oder was immer das sein mag – hüten.

Der Tod – das nachhaltigste Mittel gegen die Einsamkeit. (Aber auf der Rückseite:) Plötzlich weint Christinchen am Mittagstisch auf. „Was ist denn, Liebes, warum weinst du?“„Die Oma ist sooo allein im Grab!“ Hanna hat als große Schwester Trost parat: „Du brauchst net weinen, es wird schon wer sterben.“

Das Protokollieren der eigenen Unfähigkeit hebt sie nicht auf. Es hat eher was von „Stillbeschäftigung“. Man stellt währenddessen wenigstens nichts Schlimmeres an.

Ehe: die größte Entfernung auf kleinstem Raum?

Achtet man auf die Worte, dann kommen die Werte von selbst.

Das Glück des Ahnungslosen – er hat keine Ahnung von seinem Glück.

Morgens um vier sehe ich eine weiße Taube über den Gehsteig nicken. Auch schlaflos?

Wer Liebesbriefe schreiben kann, ist noch nicht ganz verloren.

„Duuu, komm her und tu mit mir tanzen!“ – „Äch, ich bin ein kaputter, alter und grantiger Mann!“ „Ja, aber du bist mein Großvater.“

Man sollte wissen, wann man aufhört. Jetzt.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 16/04/2019

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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