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Kolumne
Privatissimum vom Grilj – 77

Lasset die Kinder zu mir kommen,
und wehret ihnen nicht. So bin ich,
hoff´ich, auch im Himmelreich.
Einer, der die Wohnung
17 Monate nicht verließ,
frei nach Mt 19, 14

Blicke aus der Quarantäne

Manchmal, wenn ich es mit dem Internet-Fasten versuche, glotze ich einfach zum Fenster hinaus auf die Gasse. Solches Fernsehen hat in unsrer Familie Tradition. Grossmutter hat Kissen für ihre Fensterbank genäht, damit sie kommod lümmeln und auf das Geschehen blicken konnte. Als Fenstergucker bekommt man ein eigenes Heimatgefühl. Wegen der Leute, die verlässlich und doch überraschend immer wieder auftauchen.
Jeden Morgen gegen fünf – in meiner Wolfsstunde – ist es der alte Weißbart. Er zieht ziemlich fußmarod seine Runde um den Block, mit Beharrlichkeit und Trotz. In der Abendämmerung wird er abermals auftauchen, aus der anderen Richtung.
Ach, und da kommt auch schon die vertraute Verrückte, beschimpft lauthals irgendwelche Typen, die mir unsichtbar sind und die nur in ihrem Kopf existieren. Sie droht ihnen mit der kleinen Faust.
Dann schleppt sich der riesenhafte Zwangsneurotiker auf seinen Krücken heran. Er gerät in Rage, wenn auf dem Gehsteig ein Papierl liegt, stürzt sich mit der Krücke darauf und ruht nicht, bis er es auf die Fahrbahn befördert hat. Sollte er dabei umkippen, müsste ich natürlich hinuntergehen und helfen, aber ich schaffte es jetzt auch mit dem Rautek-Griff nicht, den Dicken auf die Beine zu hieven.
Oft starrt man vor sich hin und sieht, dass man gar nichts gesehen hat. Als Zeuge wäre man wohl unbrauchbar.
Gelegentlich etwas Kino; ein kleiner Auffahrunfall vor der Ampel; gelegentlich, aber selten, eine grimmige Schlägerei; gelegentlich perlustriert die Polizei einen jungen Kerl, der aussieht, als wollte ihn die Polizei gleich perlustrieren. Und dann fällt ein Fahrrad um.
Manchmal ist es Edith, die es immer eilig hat und mir übermütig heraufwinkt. Oder die Friseurin. Ihr Hund hat ein so strahlendes und liebevoll gepflegtes Fell, dass ich sie anrufen und fragen möchte, ob sie mich auch einmal durchbürsten könnte. Dafür hätte ich was von Bertold Brecht auf Lager: „...denn das Berühren selbst ist unersetzlich.“
Ein zweiter Zwangsneurotiker – ich nenne ihn Nosferatu – ist auf wild geklebte Plakate aus, reißt sie von Fassaden, kratzt dann mit seinen Krallen verbissen die Tixofuzzelchen weg und schaut sich dabei ständig vampirmäßig um.
Und manchmal ist es jenes kleine schwarze Mädchen, das ganz aus Tanz und Lebenslust besteht und mich – hab Dank dafür! – aus seiner Ferne mit Heiterkeit infiziert.
(Obiger Text wurde am 14.3.2020 abgeschlossen)

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 17/03/2020

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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