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Bericht
Spatial Justice Assessment Wien
Die gerechte Stadt

"Die Anwendung des Kriteriums „Gerechtigkeit“ hat große Auswirkungen auf die städtebauliche Planung und führt mitunter zu Ergebnissen, die sich wesentlich von den gängigen, von funktionalistischen und deterministischen Denkweisen geprägten Lösungen unterscheiden. Vor allem die Berücksichtigung von Diversität - bei den Lebensentwürfen, bei den Produktionsformen und in der Gestaltung - unterscheidet heutige Vorstellungen zu räumlicher Gerechtigkeit von jenen des 20. Jahrhunderts. Dazu kommt, dass die Definition von Spatial Justice auf einem Gerechtigkeitsbegriff aufbaut, der berücksichtigt, dass wir nicht wissen können, welche Anforderungen und Möglichkeiten künftige Gesellschaften haben werden" (Zitat aus „Radical Standard - zur städtebaulichen Umsetzung von Spatial Justice", Johannes Fiedler . Melanie Humann . Manuela Kölke . Ulrike Schacht, 
TU Braunschweig, Institut für Städtebau, 
Broschüre 10/2012)

Spatial Justice Assessment Wien
Zum Auftakt einer Lehrveranstaltung, die von Jördis Tornquist und Johannes Fiedler an der TU Wien im Oktober 2012 durchgeführt wurde, kam Susan S. Fainstein (Harvard Graduate School of Design) zu einem Vortrag nach Wien. Sie sprach über „Justice as the Governing Principle in Urban Development“.
Im Rahmen der Lehrveranstaltung untersuchten Studierende der TU Wien drei Gebiete in Wien, die von rezenten Entwicklungen geprägt sind.
_ Stadlau – das Gebiet um den Verkehrsknoten S-Bahn/A23
_ Erdberg – rund um die Anlage TownTown
_ Liesing – der Platz und die Neubebauung des Brauereiareals

Zu folgenden Fragen wurden Studien durchgeführt:
Wie gerecht ist das, was dort geschieht?
Wie gerecht ist die Nutzung des öffentlichen Raumes?
Wie sieht es mit dem Zugang zu selbstbestimmter Gebäudenutzung und
mit der Entwicklungsfähigkeit des Gebietes aus?

Bei dieser Recherche wurde nach den Kriterien des Radical Standard Catalogue (Autoren siehe Intro) vorgegangen. Die in der Folge angeführten Codes bezeichnen die Kategorien, wie sie im Radical Standard Calatogue (siehe Link rechte Randspalte) dargestellt sind. Im Rahmen der Lehrveranstaltung wurden Modelle der Gebiete im Maßstab 1:500 gebaut, die die subjektive Wahrnehmung des Raumes und der Funktionen darstellen und einzelne Problempunkte identifiziert.

Stadlau:
zu LP 1
- Vacant public land is accessible at all times for pedestrian use.
Problem: Der Markt am Genochplatz ist 2009 aufgelassen worden. Nun ist das Grundstück (520/12) abgeplankt und wird für eine private Immobilienentwicklung vorgehalten.
zu NP1 - All public corridors in cities are designed and operated in a way which allows safe and dignified pedestrian use.
Problem: Es gibt zahlreiche Abschnitte im öffentlichen Wegenetz, die zu Fuß unpassierbar sind: die Autobahntrasse und deren Auffahrten, aber auch die Erzherzog-Karl-Straße im Bereich der Unterführung. Das Fußwegenetz, das den Verkehrsknoten erschließt, ist in weiten Bereichen nicht in würdevoller Weise nutzbar und durchquert zahlreiche Angsträume…

Erdberg:
zu NR 2 (Network - Regulation) - In new development areas, a mesh of public corridors is established. The grid size corresponds with the needs of pedestrian use.
Problem: Bei der Entwicklung des Projektes TownTown wurde es verabsäumt, ein feinmaschiges öffentliches Wegenetz zu etablieren. Der in Längsrichtung verlaufende Thomas-Klestil-Platz und die Durchgänge durch die Gebäude führen über private Flächen und können ein Netz öffentlicher, projekt-unabhängiger Korridore nicht ersetzen…
zu BR 3 (Building - Regulation) - Every building on a plot has direct access to a public corridor.
Problem: Im Gebiet Towntown sind zwar alle Parzellen direkt vom öffentlichen Raum zugänglich, doch sind diese Zugänge bei den Gebäuden an der Schnirchgasse und an der Erdbergstraße eindeutig als Rückseite erkennbar. Der Hauptzugang liegt an der Privatfläche Thomas-Klestil-Platz.

Liesing:
zu LP 2 (Land – Provision) - Public entities create and maintain green areas for recreational use and ecological purposes.
Problem: Die halböffentliche Fläche in der Wohnanlage am ehemaligen Brauereigelände kann nicht als vollwertiger öffentlicher Grünraum betrachtet werden, da dessen Nutzung durch die Hausordnung der Anlage konditioniert wird und damit nicht als gleichwertig mit einem öffentlichen Park zu betrachten ist…
zu BR 2 (Building - Regulation) - Maximum building heights apply to all buildings of an area. No individual superlevation.
Problem: Das schlangenförmige Wohngebäude ist im Bebauungsplan objektgenau mit einer konstanten absoluten Höhe ausgewiesen. Das dahinterliegende Wohnhaus „Holzregal“ wurde in einem als Parkschutzgebiet (Spk) bezeichneten Bereich errichtet, ist also illegal. Abgesehen vom rechtlichen Aspekt ist dieses 4-geschoßige Gebäude in geringem Abstand zur 8-9-geschoßigen, südlich vorgelagerten „Schlange“ errichtet, dauerhaft beschattet. An dieser Stelle wird Privilegierung und Entwürdigung durch Überhöhung auf geradezu exemplarische Weise praktiziert.
 
Bei der Diskussion zu den konkreten Orten kam es auch zu einer Hinterfragung der materiellen Kriterien von Gerechtigkeit, wie sie in den Standards dargestellt sind:
Sind sie anwendbar? Sind sie richtig formuliert? Sind sie vollständig?
Ist es überhaupt möglich, räumliche Grundrechte zu formulieren?

Teilnehmende Studierende:
_ Stadlau: Linda Ringqvist, Joel Persson, Elisabeth Hofstetter, Lilya Nenkova, Josef Öhreneder 
_ Erdberg: Stefan Mayr, Philipp Sulzer, Anthi Kanelli, Evanthia Koutulaki, Zeynab Waezi, Markus Mitrovits
_ Liesing: Rafael Kopper, Philipp Feldbacher, Christine Ehrenhöfer, Christine Lechner, Fabian Müller 

Literatur zu Spatial Justice:
_ Peter MARCUSE, James CONOLLY, Johannes NOVY, Ingrid OLIVO, Cuz Potter, Justin STEIL et al.:Searching for the Just City, Routledge, Oxon 2009
_ Edward SOJA: Seeking Spatial Justice, University of Minnesota Press, Minneapolis 2010
_ Susan FAINSTEIN: The Just City, Cornell University Press, 2010
_ John RAWLS: A Theory of Justice, The President and Fellows of Harvard College, 1971, in German: Eine Theorie der Gerechtigkeit; Suhrkamp Frankfurt/Main 1979
_ Amartya SEN and Martha NUSSBAUM (Editors): “Capability and Well-being”; in: The Quality of Life, 30-53, New York: Oxford University Press

Verfasser / in:

Jördis Tornquist
Johannes Fiedler
fiedler.tornquist arch+urb

Datum:

Fri 30/11/2012

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Infobox

Spatial Justice wurde seit Mitte 2010 bis September 2012 im Rahmen der Vertretungsprofessur von Johannes Fiedler an der TU Braunschweig in zahlreichen Lehrveranstaltungen bearbeitet. Eines der Resultate dieser Arbeit ist ein Katalog universell anwendbarer städtebaulicher Standards, die räumliche Grundrechte sichern und damit die vielfältige Entwicklung von Städten unterstützen sollen.

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