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TOTALPROEKT: The Invisible Architecture of Modernity, Foto: Kalin Serapionov, Courtesy of New Architectural Heritage Foundation und CCA Toplocentrala

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Bericht
TOTALPROEKT
Die unsichtbare Architektur der Moderne

Eine Ausstellung über die bulgarische Nachkriegszeitarchitektur, Center for Contemporary Art „Toplocentrala“ in Sofia

TOTALPROEKT beschäftigte sich mit dem architektonischen Erbe der Nachkriegszeit in Bulgarien und widmete sich sechs exemplarischen Projekten, die in ihrer unterschiedlichen Funktion die Entwicklung der Nachkriegszeitarchitektur sehr anschaulich machen. Die Auswahl fiel auf den Kindergarten „Lozichka“ in Sofia, die Gestaltung der zentralen Fußgänger*innenzone von Shumen, die Stadtplanung von Losnitsa in der Region Razgrad mit allumfassender Gestaltung verschiedener öffentlicher Gebäude, den Flughafen Ruse, die Kunstgalerie der Stadt Kazanlak und den Wohnkomplex Zone B5 in Sofia. Die Ausstellungsarchitektur erlaubt den Besucher*innen in den Geist dieser Epoche einzutauchen. Der Ausstellungsort - CCA Toplocentrala, die ehemalige Heizhausanlage des Sofioter Kulturpalasts, erbaut zwischen 1978 und 1981 wurde vor circa einem halbem Jahr eröffnet und hätte nicht besser für das Projekt geeignet sein können. CCA Toplocentrala ist ein einzigartiger Raum für zeitgenössische Kunst und Kultur mit internationaler Ausrichtung, entstanden auf Initiative der freien Kunst- und Kulturszene in Sofia. Der Ausstellungsraum zeigt Projekte zu aktuellen Themen, Fragestellungen und Prozessen in der zeitgenössischen Kunst oder solche, die historische Autor*innen, Bewegungen und Phänomene wieder aufgreifen und "neu erfinden".

Die Ausstellungskuratorinnen Aneta Vasileva und Emilia Kuleva sind die Initiatorinnen der New Architectural Heritage Foundation, eine non-profit Organisation zur Ermittlung, zum Schutz und zur Förderung bedeutender Beispiele bulgarischer Architektur, spezialisiert in der Recherche zu und Aufrechterhaltung der Architektur der Nachkriegsmoderne in Bulgarien. TOTALPROEKT fand auch anlässlich der 15 Jahre Mitgliedschaft Bulgariens in der Europäischen Union statt und versuchte in diesem Rahmen dieses architektonische, in Vergessenheit geratene Erbe in einem breiteren, globalen Kontext neu zu bewerten und zu rekontextualisieren. Somit geht die Bedeutung dieser Bauprojekte über die Grenzen des ehemaligen Ostblocks hinaus. 

Architekturerbe der Nachkriegsmoderne – ein brennendes Thema

In den letzten Jahren stieg das Interesse von Architekt*innen und Künstler*innen für das architektonische Erbe der Nachkriegsmoderne in Bulgarien. New Architectural Heritage arbeitet aktiv für die Analyse und Sichtbarmachung bedeutender Stätten, erbaut in den Jahren vor der politischen Wende 1989. Diese Bauten sowie das Zeitalter werden häufig als „soz“ bezeichnet und oft erschöpft sich somit auch die Definition. Die Initiator*innen von New Architectural Heritage schreiben in ihrem Mission Statement, dass es immer noch schwierig ist über diese Zeit zu sprechen, weil sie im kollektiven Gedächtnis als „relativ jung“ empfunden wird. Aus diesem Grund ist es kompliziert eine distanzierte und objektive Einschätzung herzustellen sowie Erhaltungsmaßnahmen zu konzipieren. Diese erbauten Räume - Wohnkomplexe, Hallen, öffentliche Gebäude, Parks und Erholungsanlagen werden noch genutzt und befinden sich sehr oft in schlechtem Zustand. Aus diesem Grund ist es für New Architectural Heritage wichtig Konzepte für die Aufrechterhaltung, Restaurierung und Erneuerung zu erarbeiten. Schließlich geht es um eines der jüngsten und allumfassendsten Programme, wo Stadtplanung, Wohnen, Arbeiten und Erholung zusammenspielen und Kunst und Design eine zentrale gestalterische Rolle einnehmen. 

Die Ausstellung machte dieses Zusammenspiel methodisch und gestalterisch nicht nur für ein Fachpublikum - Architekt*innen und Stadtplaner*innen - anschaulich, sondern richtete sich durch ein spannendes Rahmenprogramm an eine breitere Öffentlichkeit.

Das Gesamtkunstwerk der Nachkriegsmoderne

Die Ausstellung zeigte anhand von exemplarischen und dem allgemeinen Publikum weniger bekannten Projekten, wie der staatlich subventionierte Bau, angelegt in einem sehr großen Stil, das städtische Bild in den Nachkriegsjahren quer durch das Land prägte. Ein wesentliches Element dabei ist die Verbindung verschiedener Disziplinen wie Architektur, Design, Kunst und Städteplanung, welche auch das Gesamtkunstwerk der architektonischen Moderne charakterisierten. In diesen Projekten gab es auch genug Platz, um Träume, Visionen und Utopien zu entwickeln und Geschichten zu erzählen. Um diese Verbindung zu visualisieren, haben die Kuratorinnen jedes der sechs Projekte anhand von fünf „Elementen“ vorgestellt: Raum, Stadtplan, Konstruktion, Gestaltung und Detail. 

Der Ausstellungsraum – Halle 3 „White Cube“ verschwand in einem allumfassenden Ausstellungsdisplay. Beeindruckend war hier die klare methodologische Linie, wie die einzelnen Projektteile präsentiert wurden. Jedes Projekt bekam einen eigenen Raumteiler oder eine Wand mit Archivmaterialien - Fotos, Skizzen, Pläne, Detailaufnahmen der gebauten Flächen und der einzelnen Kunst- und Designelemente. Wesentlich für die Recherchearbeit waren auch die Informationen zu den Architekt*innen und Städteplaner*innen, da viele von diesen nur dem Fachpublikum bekannt sind und sich durch Zitate aus Interviews und Artikeln an die Ausstellungsbesucher*innen wendeten.

Besonders spannend waren die kleinen interaktiven Momente im Ausstellungsbereich, wie die Treppenrampe aus dem Projekt „Zone B5“, welche eine andere Sichtweise auf die Bodenfläche, bedeckt mit Stadtplänen und Notizen erlaubte. Die Ausstellungsgrafik und Fotografien ummantelten den Raum - die Besucher*innen befanden sich mittendrin, umgeben von Stadtplänen, Fotos und gestalterischen Elementen. Wichtige Bestandteile der Ausstellung waren die dreidimensionalen Objekte - Fassadenelemente, Tür, Zaun, Graffiti und Tags, welche die physische Präsenz der Architektur verstärkten und greifbar machten sowie einen starken gestalterischen Akzent setzten. Das sind auch die Elemente, die dem ganzen Materialkonvolut einen künstlerisch-installativen Charakter gaben. Besonders hervorzuheben sind hier die Replika eines Fassadenteils vom Flughafen Ruse oder die Original-Eingangstür der Kunstgalerie in Kazanlak. Das Display wurde auch von außen sichtbar gemacht, indem ein dreidimentionales Fassadenelement kombiniert mit farbigen Folien an die Fensterfront angebracht wurde. Somit wurde die visuelle Identität einheitlich und drang auch in den öffentlichen Raum - dem kleinen Amphitheater vor Toplocentrala ein. 

In einem weiteren Raum waren Kommentare und Statements unbekannter Verfasser*innen zum Projekt zu lesen. Hier war das Display sehr sauber und nüchtern, die zweisprachigen Zitate waren an der Wand angebracht. Somit konnte eine Rückkoppelung zu den Rezipient*innen hergestellt werden. Passender zum Ausstellungskontext waren jedoch die Zitate aus dem Podcast „Urban Detective, Episode 3 Twilight Zone“, kombiniert mit Polaroids, ergänzend zum Projekt Zone B5, stammend von bekannten Persönlichkeiten diverser Subkulturen, die dort in den 1990ern aufgewachsen waren. Dieses Element brachte eine gewisse Aktualität und Lebendigkeit hinein und wurde zu einem selbstverständlichen Teil des Ausstellungsdisplays.

Dialog mit Zukunft

Das Dialoghafte im TOTALPROEKT, die wertvollen Archivmaterialien, die interaktiven Elemente (Fassadenteile, Objekte, Videomaterial) und die Event-Reihe zeigten die Ergebnisse einer umfassenden, langjährigen Recherche, aber auch die Leidenschaft und den großen Wunsch, der Bedeutung dieser Bauten ihren berechtigten Platz lokal und international beizumessen. Die Initiatorinnen sind nicht nur lokal, sondern auch international bestens vernetzt und arbeiten an Konzepten und Methoden zur Erhaltung dieses kulturellen und architektonischen Erbes aus der näheren Vergangenheit. Die Ausstellung zeigt uns wie allumfassend aber auch sorgfältig und komplex die Wohn- und Stadtkonzepte der Nachkriegsmoderne in Bulgarien gedacht und gelebt wurden. Wie und ob sie zu erhalten sind, hängt von uns allen ab - Architekt*innen, Städteplaner*innen, Künstler*innen, Politiker*innen und last but not least den Bewohner*innen.

Verfasser / in:

Vasilena Gankovska

Datum:

Thu 01/09/2022

Infobox

TOTALPROEKT:
The Invisible Architecture of Modernity 

CCA Toplocentrala, Sofia

(29.06. – 21.08.2022)

Eine Co-Produktion von New Architectural Heritage Foundation und CCA Toplocentrala

Kuratorinnen: Arch. Aneta Vasileva and Arch. Emilia Kaleva

Koordination: Dayana Nikolova

Organisation und administrativer Support: Vladiya Mihaylova (CCA Toplocentrala)

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