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©: Sanela Pansinger

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Interview
... und nach Corona? (1)

Gespräch mit Sanela Pansinger

Was hat sich für Dich persönlich in der Zeit der Pandemie verändert?

Die Zeit der Conona Pandemie war - und ist noch - eine Zeit der Extreme, die alle Lebensbereiche beeinflusst, und die das Zusammenleben der Menschen in einer Art unfreiwilligem Experiment hinterfragt und verändert. Darüber habe ich viel nachgedacht - mir persönlich hat die Zeit auch viel gegeben. Ich hatte Zeit, nach innen zu schauen.

Du hast in dieser Zeit ein neues Unternehmen gegründet, adasca, eine "agency for digital and analoque space couture", wo Du Dich mit „urban research & design & planning“ befasst, und wo Du die Wechselwirkung zwischen der Gestaltung des Raumes, der gesellschaftlich-innovativen Entwicklung und der Digitalisierung erforschst. Warum gründet man in kritischen Zeiten, wo so viele auf Sicherheit und Stabilität bedacht sind, eine neue Firma?

Ich habe adasca nur in dieser Zeit gründen können; in Hinsicht auf die vorhandenen Ressourcen waren ganz andere Voraussetzungen, eine ganz neue Ausgangssituation da, und mit den gleichen Playern, die ich teilweise auch schon vorher gekannt hatte, konnte ich nun unter ganz neuen Bedingungen arbeiten. Es waren ja keine Treffen möglich, alles musste online erfolgen. Für transdiziplinäre Forschungen ist nach wie vor wenig Geld da, obwohl gerade das so wichtig wäre; mit dieser Tatsache habe ich mich auch auseinandersetzen müssen. Aber adasca nutzt Forschung als Ressource, und bettet Theorien konkret räumlich ein, um danach mit den Ergebnissen als Monitoring wieder zurück in die Forschung zu gehen, und das ergibt dann ein sehr breites Spektrum. Ich nutze Architektur und Städtebau als Werkzeug, das vieles kann, aber nicht alles. Ich habe selbst ja so einen Kreislauf gemacht: von Architekturbüros über Lehre über Forschung, und dann wieder zurück in die Praxis, und so möchte ich auch weiterkreisen, das ist mein Ziel - in Bewegung zu bleiben.

Würde adasca anders aussehen, wenn es in einer „normalen“ Zeit, in einer Nicht-Pandemie-Zeit entstanden wäre?

Unser Beruf braucht viel offenen Bewegungsraum, viel Freiheit zum Denken, aber auch die Möglichkeit, Fehler zu machen. Wenn schon eine Krise da ist, kann man vor diesem Hintergrund auch versuchen, etwas Neues auszuprobieren, und dann riskiert man vielleicht noch ein bisschen mehr. Wenn alles „normal“ läuft, würde man vielleicht sagen, nein, es passt ja, ich bleibe dort, wo ich bin. Wir haben aber fast alle eine Vision im Kopf, viele von uns denken an eine bessere Welt - die Krise bewirkt auch die Möglichkeit, aus der Komfortzone rauszukommen, sich rauszubewegen.

Wie hat sich der Raum um Dich in der Pandemiezeit geändert?

Um das zu erklären, muss ich mit der Zeit anfangen. Ich habe derzeit Probleme mit dem Zeitempfinden, Zeit hat sich für mich total verdichtet, aber durch diese Verdichtung hat sich für mich auch neuer Raum eröffnet. Im Lockdown befindet man sich in einem Raum, an einem Tisch, aber durch die Digitalisierung machen sich gleichzeitig neue Räume auf. Diese neue Kombination von Räumen muss erst „maßgeschneidert“ werden.

Wie hat sich das Wohnen für Dich verändert?

Wohnen wird anders, elastischer. Tatsächlich waren früher die Leben der Menschen durch verschiedene Arbeitszeiten separierter, aber auf einmal waren alle zusammen zuhause. Dieses ungewohnte gemeinsame Leben war besonders anfangs eine große Herausforderung für viele Familien, aber viele haben sich dann einfach auch wieder an die Menschen, an die eigene Familie,  gewöhnt... Wir haben jetzt alle neue Formen des Wohnens ausprobiert, Wohnen und Arbeiten zusammen, familientauglich, wir haben shared space-Modelle in die Wohnung übertragen - das funktioniert. Unsere Wohnwelt musste auf einmal flexibel nutzbar und elastisch sein. Wir haben auch gesehen, dass wir vielleicht gar nicht soviel an Fläche brauchen, wie wir gedacht haben, weil der Esstisch jetzt eine ganz andere Funktion als vorher hat, er ist Arbeitsplatz, er ist Arztbesuch/Apotheke, er ist wöchentlicher Einkauf, er ist sozialer Treffpunkt mit anderen Leuten. Eigentlich ist der Tisch jetzt unser ganzer Lebensbereich.

Das gilt aber eher für eine Schicht, die schon vergleichsweise viel Wohnraum zur Verfügung hatte? Was passiert in jenem sozialen Bereich, wo Menschen aus prekären Verhältnissen in sehr kleinen Wohnungen mit der Großfamilie im Lockdown waren, wo der Tisch dann zum heißumkämpften Schlachtfeld wurde, eben weil da zuviele Funktionen auf einmal auf ihn geladen wurden?

Ja, da gibt es dann oft nur noch den zweiten Ausweg, das zweite Möbelstück, das Bett. Tisch und Bett haben durch die Digitalisierung eine ganz andere Bedeutung bekommen. Ich denke, dass wir sowieso schon längst in zwei Welten leben, unsere Generation vielleicht noch nicht, aber die Generation meiner Tochter kennt eine Welt ohne Internet nicht mehr, und das ist für sie auch ein Rückzugsort. Das Zimmer kann voll sein, sie findet immer ihren Rückzugsort am Handy, und das braucht nicht viel Platz. Da ist diese zweite Avatar-Welt eine Art von Rettung, wenn man sich nicht mehr anders zurückziehen kann - vielleicht nicht optimal, aber wenn es keine andere Lösung gibt? Und gerade für ältere Leute bildet sich auch eine Art Anschlussmöglichkeit, um viele Dinge, die für sie früher nicht mehr zugänglich waren, zu erreichen, zu sehen, zu hören, Neues zu erleben... Durch die Digitalisierung ist das notwendigste fürs Leben in einen anderen Raum abgewandert: Die Schule funktioniert digital, die Versorgung funktioniert digital, und das soziale Leben verlagert sich auch ins Internet. Viele haben nicht einmal gespürt, dass sich da etwas verändert hat.

Viele Menschen versuchen gerade jetzt dennoch, außerhalb der großen städtischen Agglomerationen zu siedeln, weil der Wohnraum günstiger ist, und sie sich einen rascheren Zugang zu einem „gesunden“ grünen Lebensumfeld versprechen - mit allen Nebenwirkungen wie weitere Zersiedelung, Versiegelung, Ressourcenverbrauch,  etc.?

Ja, und die einzigen Gewinner derzeit sind die Ballungsräume, weil dort der Wunsch nach einem Eigenheim mit gleichzeitigem Anschluss an eine gewisse Infrastruktur funktioniert. Es bedeutet ja eine gewisse Sicherheit, an Kommunikation, Versorgung, Arbeitsmöglichkeiten teilzunehmen, und so wird am Kreisverkehr gesiedelt. Parallel dazu wird in vielen Ortschaften mit allen möglichen Aktionen versucht, die Innenstadt zu beleben, anstatt dass man sagt, ok, am Kreisverkehr darf nichts gebaut werden. Alle anderen Maßnahmen sind zwar sinnvoll, aber nutzlos. Wenn es den Lidl, den Hofer, die Apotheke und ein Kaffeehaus am Kreisverkehr gibt, warum soll dann jemand in die Innenstadt reinfahren, wenn eh alles da ist, und man noch dazu gut parken kann? (lacht).

Wie kann man diesen Druck der Investoren der Supermärkte und des Handels, die ihre Megastrukturen am Stadtrand aufbauen wollen, standhalten?

Nun, jede Gemeinde hat Angst, den Umsatz an die nächstgelegene Gemeinde zu verlieren. Da gibt es dann Studien dazu, die belegen, dass dieser Standort neue Arbeitsplätze und Geld für eine Gemeinde bringt. Wie kann man als Bürgermeister eine Ablehnung begründen? Architektur oder Städtebau wäre ein wichtiger Aspekt, den man auch als Werkzeug endlich ernstnehmen sollte: Ein Experte muss ja nur 10min über einen Plan drüberschauen und kann sagen: Hier bitte, den Kreisverkehr nicht bebauen, weil sonst haben wir da ein Problem, weil nach diesem Kreisverkehr geht die zweite Welle weiter....da kommen die EF-Haus Siedlungen, die die vorhandene Infrastruktur nutzen, die Nähe zu dieser Nahversorgung, Kommunikation in Form eines Cafés ist da, medizinische Versorgung in Form einer Apotheke oder eines Ärztezentrums ist gegeben.... Mittlerweile fangen Sie auch an, an diesen Umlandzentren die Seniorenzentren zu bauen.

Glaubst Du, dass Wohnen und auch Handwerk oder Handel irgendwann endgültig die Innenstadt verlassen?

Was Wohnen und Handel betrifft, da kann ich nur bestätigen, was Wolfgang Christ in einem Artikel im letzten ISG-Magazin gesagt hat: Die Stadt braucht den Handel – der Handel aber nicht die Stadt. Banken sind zum Beispiel nicht mehr relevant für ein Innenstadtleben, weil wir sowieso unsere Konten übers Internet steuern. Früher bedeutete Innenstadt: Geschäfte, Bank, Post, Gasthäuser und auch Wohnen. Jetzt ist das überwiegend Büro, Büroflächen, und die großen Geschäfts-Ketten können sich die Innenstadtmieten nur mehr durch den parallelen online-Verkauf leisten. Wohnen und Handel hat immer zusammengehört, aber durch die Digitalisierung brauchen sie die Stadt nicht mehr unbedingt, sind auf Stadt nicht mehr zwingend angewiesen.

Welche Funktion bleibt der Stadt also noch übrig? Welcher Vorteil?

Sie sollte eine Ankerfunktion haben, und ich glaube, dass sie auch die Funktionen und die Nutzung dahingehend ändern werden, hin zu einer Begegnungszone... Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wenig Raum wir in der Stadt zur Verfügung haben, wo wir uns alle konsumfrei gut aufhalten können, wo wir uns bewegen können, wo wir uns hinsetzen können. Du siehst auch, die Parks, wie die jetzt belegt sind, die Jugend trifft sich auch anders, konsumiert anders... Für manche Generationen, für manche Alterststufen gibt es genug, aber es gibt auch gesellschaftliche Gruppen, die keinen Platz finden im öffentlichen Raum, für die einfach kein Platz da ist. Wir sehen deutlich, wo die Problematik liegt, und jetzt wäre die Gelegenheit da, hier anzusetzen. Architektur und Städtebau dürfen nicht unter der Voraussetzung agieren, ok, machen wir euch den öffentlichen Raum bequem, aber dafür kauft Ihr da etwas! Sondern es muss einfach diese Sensation des Alltags in der Innenstadt sein, solang das nur eine Scheinwelt ist, sei es Mode oder Trend, ... nicht Trend, sondern der Alltag muss hinein. Und das ist der große Unterschied.

Siehst Du da Chancen, dass der Alltag in die Innenstadt zurückkehrt? Und was wäre dieser Alltag?

Wenn Du einem Kind Papier und Bleistift gibst, und es bittest, zu zeichnen, wo es sich wohlfühlt, zeichnet es eine Bank, einen Baum und ein Haus. Das ist die Umgebung, wo es sich sicher und wohl fühlt. Über Bäume brauchen wir nicht reden, als Schattenspender, ästhetisches Element, was weiß ich, und Möbel, die auch eine Kommunikation zulassen, das sind wesentliche Elemente. Unsere Gesellschaft wird außerdem älter, aber in der Herrengasse in Graz gibt es außer bei der Bank an der Stadtpfarrkirche zum Beispiel keinen Ort, an dem man einmal zwischendurch konsumfrei anhalten kann, und ausrasten - allein die Frequenz macht ältere Menschen schwindlig. Corona hat gezeigt, wo wir andocken sollten, um wieder Alltag zu leben in einer Stadt. Es gibt eigentlich genug dieser Ausgleichsfelder, man muss nur ihr Potenzial aufspüren und diese Zonen je nach Nutzung aktivieren. Das sind oft kleine Ecken, kleine Nischen, wo vielleicht schon die Möglichkeit, sich hinzusetzen, reichen würde. Die Leute suchen diese Orte ja, auf jedes Podest setzen sie sich, sie nutzen Aufenthaltsraum, öffentlichen Raum, wenn er nicht erbarmungslos von Konsum überlagert ist - dass hat Corona sehr deutlich gezeigt.

Das wäre ja positiv, denn das hieße ja, sie erobern ihren Raum selbst zurück?

Ja, aber oft wird durch die Aktivierung der Plätze für eine gewisse Klientel auch vergessen, das wir andere gesellschaftliche Randgruppen dadurch auch vertreiben, das war aber deren Wohnzimmer. Sie haben keine andere Möglichkeit, und jetzt auf diese Plätze irgendwelche Trampoline hinzustellen, oder was weiß ich, heißt auch, ihnen Wohnraum zu nehmen. Und das ist für mich nicht gerecht. Wie kann man es also beiden oder mehreren Gruppen ermöglichen, den Raum zu nutzen? Auch Leute, die genügend große Wohnungen haben, haben ja ein Recht auf (den Aufenthalt im) öffentlichen Raum. Voraussetzung ist: Wir müssen einander aushalten. Und da ist das große Problem unserer „Wohlstandsgesellschaft“, wo wir nur auf Schönheit und auf botox-glatte Oberflächen getrimmt sind, wir können Armut nicht mehr sehen - das sind wir nicht mehr gewohnt. Es berührt und ist peinlich, und mittlerweile gehört man mit einem schiefen Zahn im Mund ja schon fast zu den „Asozialen“. Soziale Durchmischung und Nachbarschaft, das wären Träger einer zukünftigen guten Stadtentwicklung, wir müssen also eine „goldene Mitte“ suchen.

Woran sollen sich Architektur und Städtebau orientieren?

Alles, was wir in Zukunft bauen, sollte unter dem Aspekt betrachtet werden, dass wir Raum schaffen, und nicht Raum wegnehmen. Die Altstadt ist die Seele der Stadt, die darf nicht zerstört werden. Der Handel gehört natürlich dazu, aber vor allem wichtig sind Menschen, die Verständnis für die Bausubstanz haben, und nicht nur jene, die Profit wittern. Und dieser Gedanke zieht sich für mich auch durch die Debatte zum Klimaschutz: Derzeit baut man zwar mit ressourcenschonenden, technisch ausgereiften und bestens lobbyierten Materialien, aber wir sehen unsere Häuser als Wegwerfartikel, sie werden uns fad, und dann machen wir ein neues. Aber wenn man nach 15 Jahren ein Gebäude wieder komplett entfernen muss, wo ist da der Klimaschutz? Nicht jede Maßnahme ist für jeden Kontext geeignet, und vor allem die Innenstadt, die Altstadt braucht einen besonderen Zugang: Es geht um die Menschen, die müssen Platz haben, und nicht immer nur noch mehr Technologie. Da vermisse ich einfach die gestalterische Nachhaltigkeit!
Da gibt es jetzt zum Beispiel diesen Info-Point am Eisernen Tor, am Ende der Herrengasse, und da fragt man sich wirklich, wie kann das dort passiert sein? Ein Infopoint an dieser Stelle? Die ganzen Blickbeziehungen in die Herrengasse sind versperrt, drinnen ist nur ein Bankomat, wo doch visavis am Gebäude auch ein Bankomat ist, woran offensichtlich gut verdient wird? Diese Verhüttelung passiert auf einem extrem neuralgischen Punkt, wo Platz nötig wäre für mehr Grün, oder für die Erweiterung des Kinderspielplatzes und ein paar Bänke. An diesem Ort kann man sehr gut ablesen, dass er zuvor ein ungenutzter „Restplatz“  war: Wir bewegen uns noch immer in den gleichen Linien darum herum, und eine behutsame Aktivierung wäre hier gut gewesen. Aber jetzt steht da diese seltsame Behausung, mit rotem Kreis und rotem Strich...jeder fragt sich, was ist das jetzt? Ist das eine Aufwertung zur Altstadt, welchen räumlichen Mehrwert bringt es? Es verbraucht das, was das kostbarste ist: den Raum! Aufgabe eines Gebäudes ist es, Raum zu schaffen, nicht Raum wegzunehmen.

Was wäre Dein konkreter Beitrag als Architektin, als Urbanistin zu einer ausgewogeneren Mischung?

Der Begriff shared space – für mich sind das nicht nur Autos und Menschen, sondern auch Menschen und Menschen. Da, wo ich geboren wurde, dort hat man diesen Begriff zwar nicht gekannt und noch weniger war er wissenschaftlich positioniert, aber er wurde gelebt: Man sitzt mit Armen, mit Reichen, zusammen mit Kindern, Älteren – es ist Bewegung, und da wollen die Autos gar nicht mehr hin, Autos sind nicht einmal verboten, aber es ist für sie nicht mehr bequem. Da kann Architektur, da kann Städtebau die Voraussetzungen schaffen – aber das geht nur mit konsumfreien Zonen für alle. Das muss sich eine Stadt leisten können. Es darf vor allem jetzt, wo die soziale Schere weiter auseinandergehen wird, nicht darum gehen, die Stadt nur für jene zu entwickeln, die sich das leisten können, das ist ein wesentlicher Punkt.

Danke für das Gespräch!

Verfasser / in:

Sigrid Verhovsek

Datum:

Wed 02/06/2021

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Sanela Pansinger
Architektin und Urbanistin:

"In einer Stadt muss das Alltagsleben ohne soziale Schranken möglich sein"
"Soziale Durchmischung und Nachbarschaft sind Träger einer zukünftigen guten Stadtentwicklung".

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