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Kolumne
Vom Besseren Leben, 01

Es ist Mitte November und mein Bruder und ich laufen eine Zeit lang lediglich in Shirts durch die Landschaft. Vor uns schiebt sich ein Bergmassiv ins Motiv. Alles wird festgehalten. Alles wird immer festgehalten. Manchmal, um es zu teilen, und manchmal, immer öfter mittlerweile, um sich zu vergewissern, dass es noch da ist. Dass es sie noch gibt – die Dinge und die Welt, in der sie sich finden.

die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es heißt es am Beginn von Inger Christensens alfabet – einer Auf-, einer Erzählung dessen, was es gibt, was sich sehen und benennen lässt – das, wenn es nicht so sanft, so zärtlich immer wieder klänge, wenn die Sprache also nicht vom Gegenteil spräche, als Monumentalwerk bezeichnet werden könnte. Erst vor kurzem findet sich in alfabet re:write der drei Autorinnen Hannah K. Bründl, Frieda Paris und Sarah Schmiedl die Zeile Great Barrier gibt es gerade noch. Während dem entgegnet werden könnte, dass sich das Riff aktuell sogar erholt (1), reiht es sich dennoch ein in eine Erzählung des Verschwindens, eine Erzählung, in der die Dinge, die sich benennen lassen, die Dinge, die es gibt, weniger sind, als jene, die bereits verlorengegangen sind.

Dicht am Ufer steht ein Stein, rundherum wurden Rosen gepflanzt, wahrscheinlich sind es die alten Stöcke vom Friedhof, die wollten sie damals mitnehmen, für eben das hier, für diese Gedenkstätte. (...) Sie wendet den Blick ab, sieht auf den Stein, auf die Jahreszahlen, und plötzlich spürt sie ihn, da ist er endlich. „Gegründet neunhundertdreiundzwanzig“, sagt Jules (...). Jula fährt mit dem Finger über den Bindestrich und über die Zahl dahinter, das Ende des Ortes. „Untergegangen vor ein paar Jahren“, sagt sie, und Jules nickt, (...). Es ist die Anfangsszene in Annika Scheffels Roman Bevor alles verschwindet, erschienen 2013 bei Suhrkamp – ein Buch über die Dynamiken eines kleinen Ortes, einer Gemeinschaft, ein Buch über Familie, Verlust und das Verschwinden, nicht nur einzelner Personen, sondern tatsächlich eines ganzen Ortes, der im Buch einem großen Staudammprojekt weicht und geflutet wird. Mit ihm die Geschichten und Gespenster.

Man sagt, wo etwas aufhört, wächst Neues und manchmal, manchmal stimmt das. Etwa das Torfmoos, zwei Täler weiter am Toteisboden, einer mehr als 10.000 Jahre alten Landschaft aus der letzten Eiszeit – an der Spitze wächst das Moos, wenige Zentimeter pro Jahr, während es gleichzeitig an der Pfanzenbasis abstirbt, zu Torf wird (2). Was in den Alpen an Neuem wächst, sind die Straßen, die an, die in, die auf die Berge führen, die Attraktionen am Gipfel, die Parkplätze, um dorthin zu gelangen, nahe genug, so nah wie möglich, um nicht zu viele Schritte zu verlieren, die Chalets, die Alpendörfer, die Grund- und Immobilienpreise, der Lärm, die Emissionen. Der Berg am äußersten Rand des Bildes, das mein Bruder macht, liegt mittlerweile österreichweit auf dem ersten Platz jener Liste, auf der Berge nach ihren Hashtags gereiht werden. Alles wird festgehalten. Alles wird immer festgehalten.

The Word for World is Still Forest heißt ein Roman von Ursula K. Le Guin 1972. Genauso wie der Sammelband von Anna-Sophie Springer und Etienne Turpin 2017, der den Titel und das Thema als Motiv und Ausgangspunkt für einen intensiven Blick in den Wald versteht. Am Beginn des Bandes liest sich ein Preface von Kirsten Einfeldt und Daniela Wolf in Bäumen, jener Schriftart, die die Künstlerin und Aktivistin Katie Holten erarbeitet und als open access Download zur Verfügung gestellt hat. Daran sich festhalten. An den Wäldern und dem Wünschen, dass sie bleiben. Immer am Wünschen festhalten.

Vielleicht ist das Sprechen, das Schreiben vom Verschwinden etwas weit hergeholt, eine Volte, wenn es um das Leben in den Alpen geht, vielleicht aber ist es noch nicht weit genug hergeholt. Dieses Sprechen, dieses Schreiben ist ein Anfang, ein Auftakt; ein Anfang, ein Auftakt, davon zu erzählen, vom Leben am Land, den Landschaften, 1000+m überm Meer, in kurzen T-Shirts Mitte November, den Berg im Fokus, die Kräne, verteilt überm Plateau, Eigenheime in die Hänge, in die Wälder zu bauen, bereits Bestehende zu vergrößern, so weit und lange der Boden trägt.

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1 https://www.aims.gov.au/monitoring-great-barrier-reef/gbr-condition-summ... (wobei an dieser Stelle zunächst der Verweis gemacht werden muss, dass die Erholung eine aus den niederen in die höheren 30-40 % des Originalriffs ist, d.h. ein Ausrufezeichen hinter den mittlerweile constant state of fragility gesetzt werden muss, in dem sich das GBR befindet: The GBR remains exposed to the predicted consequences of climate change, including more frequent and intense heatwaves, as well as the ongoing risk of outbreaks of the crown-of-thorns starfish, and trocpical cyclones. The increasing frequency and extent of mass bleaching events in recent years poses a significant risk to the state of the reefs in the GBR. Any future disturbances can rapidly reverse the observed recovery.)
2 https://environnement.public.lu/dam-assets/fr/conserv_nature/publications/2022/artensteckbriefe-web.pdf

Verfasser / in:

Christoph Szalay

Datum:

Thu 17/11/2022

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Vom Besseren Leben, 01

Kulturschaffender, Lyriker und Ausdauersportler Christoph Szalay schreibt in regelmäßigen Abständen Notizen aus dem Oberen Ennstal.

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