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Bericht
Was bleibt von der Grazer Schule? Teil 3
Utopien statt Formalismen und Stilen

Wieso gibt es heute keine Utopien mehr? Viele empfinden unsere Gegenwart als nicht gerade rosig, trotzdem werden keine Visionen einer besseren Welt entworfen. Es scheint, als gäbe es keine Ideale mehr, die man als Utopie formulieren könnte, und so halten wir uns verzweifelt an Bestehendem fest. Andri Gerber vom Ecole Spécial d’Architecture in Paris (dessen Beitrag krankheitsbedingt von Anselm Wagner, Professor am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften und Gastgeber des Symposiums, vorgetragen wurde) sieht seit dem Continous Monument von Superstudio, einer Dystopie, die in Graz auf der Trigon 69 gezeigt wurde, keine wesentlichen Versuche mehr, Utopien zu entwerfen.

Jede Utopie ist eine Kritik am bestehenden System, stellt die bestehende räumliche Ordnung infrage und formuliert ein Ideal. „In der Verräumlichung des Entwurfs konkretisiert sich dann die gesellschaftliche Idealvorstellung“, setzt Daniel Gethmann Gesellschaft und Architektur in Beziehung, und wird von Ingrid Böck, beide lehren am IAKK, ergänzt: Jede räumliche Struktur kann als ein Diagramm sozialer Strukturen gelesen werden. Utopien werden seit den russischen Konstruktivisten aber auch als Social Condenser verstanden, als Werkzeuge für ein neues soziales Verhalten. Die Zeichensäle als Geburtsort der Grazer Schule sind ein solcher Social Condenser.

Der Grazer Schule ging es nie um Formen oder Stile, sondern um gesellschaftliche Veränderungen. In diesem Sinn wurde sie auf diesem Symposium auch nicht – wie fälschlicherweise sehr oft – mit skulpturalem Expressionismus, sondern stärker als bisher mit strukturalem Denken assoziiert. Der Begriff Strukturalismus wird in der Architektur meist als Bezeichnung für eine Stilrichtung der 60er- und 70er-Jahre, verbunden mit einer bestimmten ästhetischen Vorstellung, verwendet. Als Anwendung einer Geisteshaltung (auch wenn die Intensität der Beziehung zwischen dem Strukturalismus als Strömung in Philosophie, Soziologie und Literatur und dem in der Architektur unter den Experten umstritten ist) hat der Strukturalismus mehrere Ausprägungen. Jede Festmachung an einem formalen Stil ist also falsch, betont Eugen Gross schon am Beginn seines Vortrags. Die Grazer Schule als strukturalistisch zu bezeichnen, widerspricht deshalb auch nicht ihrer unumstrittenen stilistischen Vielfalt. Heutige strukturalistische Architektur würde wieder völlig anders aussehen.

Strukturalismus in der Architektur kann als ein Modell zweier sich kreuzender Achsen, der Raum- und der Zeitachse, verstanden werden. Der Prozesscharakter des Entwurfs und dessen Veränderung in der Zeit werden durch die Unterscheidung in eine Primär- und eine Sekundärstruktur mit unterschiedlichen Lebenszyklen deutlich. In deren Überlagerung entstehen Räume mit sozialer Relevanz. Anhand der Arbeit von Bernhard Hafner, einer der zentralen Figuren der Grazer Schule, erläuterte Claudia Wrumnig in einem Auszug aus ihrer Diplomarbeit die strukturellen Ansätze der 60er-Jahre und versuchte das Spezifikum der Grazer Theoriebildung dieser Zeit herauszuarbeiten.

Nach Jahren des nüchternen Pragmatismus erlebt strukturalistisches Denken seit Mitte der 90er-Jahre, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, ein Revival. Oft werden regelbasierte Entwürfe dabei um irrationale Elemente erweitert, die bewusst das System stören, wie etwa bei Kazuyo Sejima. In den meisten Fällen beschränken sich strukturalistische Ansätze heute aber auf die technischen Aspekte, ganz ohne gesellschaftliche oder gar utopische Visionen, wie Tomáš Valena von der TU München konstatiert. So wird Patrick Schumachers parametrisches Entwerfen von ihm selbst als traditionelles bildhaftes Entwerfen entlarvt, das nicht der regelbasierten Vorgehensweise des Strukturalismus folgt, indem er es epochal als den Stil des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Der Mensch lässt sich halt doch nicht so einfach auf einen Parameter reduzieren.

Ganz auf den Menschen konzentriert sich Eilfried Huth, der neben vielen, teilweise gemeinsam mit Günther Domenig realisierten, spektakulären Bauten vor allem für seine Mitbestimmungsmodelle bekannt ist. Er berichtet von einer gesellschaftlichen Vision, an der er derzeit gemeinsam mit Berliner Architekten arbeitet: Unter anderem auf raumplanerischer Ebene soll ein europaweites Netzwerk geschaffen werden, das Anknüpfungspunkte für die europäische Roma-Kultur an die Lebensweise der Bevölkerungsmehrheit bietet. „Architektur ist, eigene Entscheidungen zu treffen, die über den Rahmen der Aufgabenstellung hinausgehen.“ Nicht nur für diese Haltung erntet Huth unter anderem von Gabu Heindl Anerkennung, denn Utopien in Form polemischer, formal provokanter Kritik zu formulieren ist meist viel einfacher als Veränderungen durch stille, langsame Prozesse Wirklichkeit werden zu lassen.

Am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften wird eine Publikation zum Symposium und dessen Ergebnissen erscheinen.

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Wed 08/12/2010

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Der Grazer Schule ging es nie um Formen oder Stile, sondern um gesellschaftliche Veränderungen

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