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Ob zu Fuß, mit dem Rad oder der Bim, während der 'Diagonale' sind die Grazer Kinos ein wichtiger Umsteigepunkt.
©: Alina Anna Lichtblau

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Essay
Willst du mit mir ins Kino gehen?

Fragt ein Architekt den Anderen: „Willst du mit mir ins Kino gehen?“
Sagt er: „Aber natürlich!“

Klingt komisch? Find’ ich gar nicht.
Die Architekten haben sich gerade ihre Kinokarten gekauft und gehen in den Kinosaal. Lauschige Stimmung, wir flüstern automatisch, meine Schritte sind gedämpft, während ich gebückt gehe, um meine Sitzreihe zu finden. „Wo sitzt du?“ Mitte – Mitte – perfekt. Die Sessel sind auch so angenehm, ich lass mich reinsinken, ich kann mich nicht mal mehr richtig drehen, um mit ihm zu reden, weil der Sessel sich so an mich schmiegt. Die Aufmerksamkeit richtet sich eh auf die Leinwand. Der Raum ist jetzt nur leicht verdunkelt, die Filmvorschau nimmt noch niemand richtig ernst. Die Unterhaltung besteht jetzt nur mehr aus kurzen Kommentaren, hin und wieder aus Blicken, Schmunzeln und Augenbrauen-Hochziehen.
Der Architekt schweigt jetzt und der andere auch. Der Vorhang eröffnet die Filmleinwand ganz, das Licht wird eine Stufe weiter gedimmt, man hört nur mehr bemüht leises Rascheln. Auch zwischen den Kollegen fällt ein Vorhang, jetzt ist jeder auf sich gestellt. Alle Aufmerksamkeit ist auf die Leinwand gerichtet. Von irgendwoher kommt Ton, der Sog beginnt. Die Architekten sind gebannt und sie wissen es wahrscheinlich nicht, aber die Welt hinter dieser Kulisse hat mit ihrer eigenen nicht wenige Gemeinsamkeiten:
Die Räume des Architekten sind die Spielstätten der Träume, die im Film realisiert werden. Gleichzeitig sind Film und Kino die Orte, an dem man genau das wieder tun kann: sich berieseln und zum weiterträumen inspirieren lassen.
Während die Filmemacherin fleißig an ihrem Storyboard kritzelt und ihr Drehbuch schreibt, zeichnet der Architekt Pläne und verfasst behördliche Schriftstücke. Alles beginnt am Papier, in Wort oder Zeichnung, und die Dramaturgie ist die Grundlage dafür. Sie ist für Filmemacher*innen nicht nur im Film selbst relevant. Wichtig ist auch, wie der Film präsentiert wird, wie das Publikum hineingeführt wird in die Welt, die die Filmemacher*in ihm zeigen möchte. Dazu gehören Vorspann und Abspann, genauso wie die Komposition von Beleuchtung und Stille im Vorführungsraum selbst. Cineasten schwärmen vom Lichtspielhaus, das Architekt*innen für sie planen. Es ist aus kultureller, historischer und architektonischer Sicht interessant. Filmpaläste locken Kinobesucher*innen schon von außen, um sie dann in einem gemütlichen Foyer zu empfangen und sie in ihre Logen oder Sitzreihen zu führen. Nach verwinkelten Gängen wirkt ein prunkvoll gestalteter Kinosaal noch ausdrucksstärker: Dort wartet das ganz große Kino.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts verlangte der Aufschwung des Kinos erste Lichtspielstätten. Mit Eingangsbereich, Sitzreihen, Loge, Balkon und Bühne wurden die Säle dem Theater nachempfunden, wie es z.B im Splendid Place in Riga, Lettland seit 1923 glanzvoll besteht. Als wichtiger Bestandteil der internationalen Kinoszene gibt es auch in Österreich einige Lichtspielstätten, die als historisches Dokument immer noch erhalten sind.
In Wien liegt das seit ebenfalls knapp über einem Jahrhundert bestehende Gartenbaukino, das 1919 erstmals in den ehemaligen Blumensälen des italienischen Renaissancegebäudes der k.k Gartenbaugesellschaft eröffnet wurde. Mit dem umstrittenen Bau des neuen Gartenbauhochhauses von Erich Boltenstern und Kurt Schlauss wird es 1960 als letztes großes Einsaalkino Wiens neu eröffnet. Die Pläne dazu stammen von Robert Kotas, der in Österreich über 40 Kinos gestaltete.
Fast zeitgleich entwickelte Peter Kubelka um 1958 als Gegenpol zur auffallenden Architektur mancher Kinosäle und im Zuge der wieder auflebenden Kinokultur einen Raum, der sich nur dem Erlebnis des Filmschauen widmen sollte. Mit den Architekten Johannes Spalt und Friedrich Kurrent beschrieb er dieses „unsichtbare Kino“ als „Maschine, die als Relais zwischen Autor und Publikum dient, mit einer Architektur, die sich voll und ganz auf das Bild und den Ton des Films konzentriert“ (s. Link filmmuseum.at). 1985 wurde der Filmsaal der Albertina (seit 1965 bespielt) ebenfalls als Schwarzes Kino, einer Abwandlung des unsichtbaren Kinos aus New York, eingerichtet.

Kino ist mehr als nur Rein-Raum mit Leinwand und Projektor, es ist eine visuelle Reise. Die internationale, aber auch die heimische Kinolandschaft bietet neben den wunderbaren Programm- und Mainstreamkinos unzählige Festivals, maßgeschneidert für verschiedenste Themenbereiche oder Interessensgruppen. Das österreichische Filmfestival Diagonale, bei dem jedes Jahr Lang- und Kurzfilme, sowie Dokumentationen oder Experimentalfilme aus Österreich gezeigt werden, präsentierte dieses Jahr den Programmschwerpunkt Sehnsucht – eine kleine Stadterzählung, mit ausgewählten, teils historischen Filmvorführungen und anschließenden Gesprächs- und Diskussionsrunden. Stadtporträts und Porträts von Stadtbewohnern, von poetischen bis zu historischen Spielfilmen, sowie Kurzfilmen und Dokumentationen schuf das Festival einen Einblick in Orte, an denen Menschen, oft unterschiedliche Charaktere, aufeinander treffen. (Das hätte den Architekten wahrscheinlich besonders gut gefallen.)
Neben der Programmvielfalt des Filmfestivals bietet die Diagonale immer eine wundervolle Abwechslung für Stadtbewohner*innen und Architekt*innen in und um Graz: Die quer durch die Stadt stationierten Programmkinos polen gekonnt den alltäglichen Fahrplan der Grazer*innen um; mehr als sonst sind dann Kinos zentraler Halte- und Umsteigepunkte der kulturellen Society.
Aber nicht nur in Graz und nicht nur während der Diagonale ist Kino auch für Architekt*innen interessant. Jährlich werden in verschiedenen Städten Europas Filmfestivals rund um Architektur veranstaltet. Gezeigt werden Filme, die kritische Perspektiven auf gegenwärtige und historische Entwicklungen werfen und zukunftsweisende Projekte präsentieren, wie Anfang August 2021 der Architektur.Film.Sommer im Museumsquartier in Wien. Diesjähriges Thema war der Bodenverbrauch in ländlichen und urbanen Räumen, der Eintritt kostenlos.

Als Nicht-Cineast*in ist es vielleicht nicht immer ganz einfach, die Faszination des Kinos, sein Spiel mit Realität und Architektur nachzuvollziehen. Trotzdem hoffe ich, dass es auch Architekt*innen, geplagt von Bürokratie und Bauverzug, vielleicht hin und wieder in die dunkle Lichtkammer verschlägt: „Cinema should make you forget you are sitting in a theater“ (Roman Polanski).

Verfasser / in:

Alina Anna Lichtblau

Datum:

Fri 10/09/2021

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Willst du mit mir ins Kino gehen?

Warum auch Architekt*innen öfter ins Kino gehen sollten

Was ist eigentlich so anziehend am Kino und was kann vor allem Architekt*innen ins Lichtspielhaus locken? Ein Versuch, Film und Kinoräume schmackhaft zu machen, mit Einblicken in Gefühle, Parallelen und Geschichten im und ums Kino.

Essay von Alina Anna Lichtblau

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