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Tom Lohner mit Kulturlandesrat Christopher Drexler und Feromontana
©: Universalmuseum Joanneum

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Kolumne
Wolkenschaufler_46

Merkwürdige Blüten

Nach mehreren Versuchen zu erfahren, wie die Blockchain-Technologie (1) funktioniert, mit der man unter anderem Bitcoins transferiert, habe ich mich entschlossen, das auch hinkünftig nicht wissen zu wollen. Geringe Ausdauer und wohl auch mangelnder Verstand schließen bei mir das Erkenntnis aus. Basta & Punktum
Mittels Blockchain aber ist es möglich, digitale Datenmengen – die im Grunde beliebig oft vervielfältigt, kopiert, repliziert werden können – als etwas wie Urdaten auszuweisen. Bestimmte Datenmengen, Bits und Bites, werden Files genannt und können via Decodierung durch ein Programm etwa als Text, Bild, Video oder Hörstück wahrgenommen werden. Wird ein File kopiert, erscheinen die Datenmengen eben nochmals, gleich und austauschbar und so weiter (hätte hier der Science-Fiction-Autor Kurt Vonnegut vielleicht geschrieben).
Nun aber gibt es ein Verfahren namens NFT (Non-Fungible Token) mittels dem man Datenmengen, Files, signieren kann. NFT-Protagonisten bezeichnen die so signierten Daten als Unikat oder auch Original, neben den gleichen (oder denselben Daten?), die nicht mit NFT signiert sind. Freilich sind wir längst überein gekommen, dass ein Kunstwerk auch am Computer erstellt werden kann und es damit zunächst keine physische Qualität hat, sondern nur aus Bits und Bites besteht. Anders als noch zu Zeiten Walter Benjamins, ist es im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit dennoch Kunstwerk, weil wir uns nach Duchamp (oder später Timm Ulrichs, Beuys et al.) darauf geeinigt haben, dass Kunst ist, was die Künstlerin, der Künstler so bezeichnet beziehungsweise weil es in einem wie immer gearteten Umfeld von Kunst verhandelt wird. Benjamins „Aura“, die man gegenüber dem Original, dem einzigen in dieser Form bestehenden Werk, während eines „Hier und Jetzt“ wahrnehmen sollte, findet sich nicht an der Reproduktion, Kopie oder Dokumentation des Kunstwerks. Zur Profanität des Handels, der fraglos am Werden des Kunstwerks beteiligt ist, hat sich Benjamin meines Wissens nicht herabgelassen.

Merkwürdig nun, dass Künstlerinnen und Künstler, die digitale Verfahren anwenden (welche per se die Vervielfältigung des immer Gleichen mit sich bringen), Anspruch auf ein Original erheben. Wenn nach traditionellem Verständnis „die Hand“ des Künstlers für die Originalität des Werks maßgeblich war (siehe die Problematik um „das teuerste Gemälde der Welt“; hat Leonardo am Salvator mundi wirklich „Hand angelegt“?), bedeutete das gegenüber einem Prinzip der digitalen Medien wohl einen Rückschritt hinsichtlich der Zuordnung an einen Autor, eine Autorin. Weshalb aber ist hier die Frage um das Original so dringend? Mir fällt der Witz ein, in dem ein Volksschauspieler und sein am Burgtheater beschäftigter Kollege gefragt werden, weshalb sie in einer, in jeder Hinsicht billigen, Fernsehserie auftreten. Sagt der eine: „Ehrlich? Ich mochs wegnam Göid.“ Sagt der andere: „Weshalb wohl? Des Geldes wegen.“

Zwei Grazer Künstler, Tom Lohner und Feromontana, haben nun zu Ende April 2021 je ein digitales NFT-Werk dem Universalmuseum Joanneum (UMJ) geschenkt. Die sie vertretende Grazer Bakerhouse Gallery beschreibt Tom Lohners Electricity als Triptychon der Darstellung einer brennenden Göttin, während die drei Teile des Bildes durch „Stundenzähler“ und „Schaltkasten aus dem 19. Jahrhundert“ verbunden seien. Das physische Bild sei schon an die Energie Steiermark verkauft. Hinter dem Nome de guerre Feromontana steht der Grazer Rechtsanwalt Georg Eisenberger, der in einem Interview (Klippmagazin) erzählt, sein erstes Kunstwerk entstand in der Bemalung einer alten Statue, die er im neu gekauften Haus gefunden habe: „… dabei habe ich gemerkt, dass mich das entspannt, dass mir das Spaß macht“. Feromontanas Werk 308 Still in the Can, befindet sich als physisches Werk in einer privaten Sammlung (Aussendung UMJ). Das Bild zeigt eine Spraydose, aus der 92 Smileys in den Bildraum fliegen, während man sich 308 noch in der Dose befindlich denken muss. Nach Beschreibung der Bakerhouse Gallery wird damit zum Ausdruck gebracht, dass „nicht nur in der Gegenwart eine positive Stimmung herrschen muss, sondern dass auch in der Zukunft Platz für Optimismus sein muss“.
Die Schenkung an das Joanneum ist nun eine jeweils digitalisierte und animierte Version mit NFT-Siegel, damit ein digitales Original. Merkwürdig nun, dass in der Presse-Aussendung des UMJ angemerkt ist, dass Versionen der Schenkungen, die bereits in der Blockchain integriert seien, noch zum Verkauf stünden. Zudem sei den beiden Künstlern aufgefallen, „dass es trotz des aktuellen Hypes rund um diese neue Form der Kunst weltweit noch kein Museum gibt, das über NFT-Kunstwerke in seiner Sammlung verfügt“. Das UMJ hingegen, sagt Kulturlandesrat Christopher Drexler, sei damit „voll am Puls der Zeit und nimmt eine internationale Vorreiterrolle ein“.

Dem „aktuellen Hype“ um NFT-Kunst ist vielleicht mit einem Beispiel aus der Bewerbung von Anlegerwohnungen beizukommen. An einem Bauprojekt in der Wiener Rotenturmstraße stand 2011 zu lesen: „You don’t have to live in these apartments to love Vienna, owning them will do“. Ich übersetze: „Wenn’s die Banken nicht tun, bringen Anlageobjekte Renditen.“ Kunst als Anlageobjekt ist ja nicht neu. Anreiz und neues Produkt – man muss sie ja nicht lieben, es genügt, sie zu besitzen – ist nun offenbar NFT-gesiegelte Kunst.

Da gibt es einen – wie es auch in der UMJ-Aussendung heißt – „bis dahin kaum bekannten“ US-Künstler namens Mike Winkelmann, der unter Beeple firmiert. Dessen digitale Animation Crossroads wurde von einem Krypto-Investor um 67.000 Dollar erstanden. Via NFT hatte sich der Käufer ein Eigentumsrecht an dieser Datenmenge gesichert, um sie kurze Zeit später für 6,6 Millionen Dollar wieder zu verkaufen. Durch NFT bekommt auch Beeple bei jedem Wiederverkauf einen Anteil von zehn Prozent der Kaufsumme. Beeples Geschäfte prosperieren: Seit 2007 stellt er täglich ein Werk ins Netz, mit dem er das Weltgeschehen kommentiert (art, Das Kunstmagazin, Mai 2021), wie beispielsweise ein Bild mit den Konterfeis von Michael Jackson und Kim Jong-un (2020), betitelt mit Kim Jong Jackson. 5000 dieser Bilder fasste Beeple in einer jpg-Datei zusammen und nannte sie Everydays –The First 5000 Days (2021). NFT-versiegelt erwarb der indische Finanzier des Krypto-Fonds Metapurse, Vignesh Sundaresam, mit Geschäftspartner die Daten um rund 69 Millionen Dollar in Kryptowährung. Metapurse‘ Geschäftsmodell ist der Besitz von NFT-Kunstwerken. Weiterverkauft werden die allerdings nicht im Stück, vielmehr wurden neuerliche Token (Zeichen) generiert, die Investoren als Eigentumsanteil an digitalen Werken erwerben können, die wiederum als eigenständige Vermögenswerte gehandelt werden können. Beeple übrigens ist auch mit zwei Prozent an Metapurse beteiligt.

Merkwürdige Blüten, die hier entstehen, und eine Generierung von pekuniären Werten wie ich sie nicht im Detail verstehen kann. Vielleicht ist aber jemand bereit, mein noch NFT-freies Werk Komplexe Strukturen einer urbanen Waldidylle (8.4.2021) irgendwie um, sagen wir, 1,5 Millionen Euro erwerben zu wollen. Selbstredend entspannt auch mich das Schaffen von Kunstwerken  und es macht mir Spaß. Und zugegeben: Inhaltlich handelt es sich um billige Kunst, aber ein NFT-Zertifikat werden wir schon irgendwie drankleben.

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(1)   Eine Blockchain ist eine dezentral organisierte Datenbank, die von mehreren Parteien betrieben wird. In ihr sind alle bisherigen Transaktionen in „verketteten“ Blöcken dokumentiert. Neue Transaktionen werden in neuen Blöcken hinzugefügt. In der Sprache der Buchhalter wäre die Blockchain das Hauptbuch in einem gigantischen Buchhaltungssystem. Allerdings sind die Informationen im Fall der Blockchain eben nicht zentral abgelegt, sondern werden redundant auf allen Knoten der Kette gehalten. Vgl.: https://www.computerwoche.de/a/so-funktioniert-blockchain,3331391

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Tue 11/05/2021

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Kommentare

"Mit dem Verkauf seines

"Mit dem Verkauf seines NFT-Kunstwerks „Everydays: The First 5000 Days“ hat der Krypto-Künstler Mike „Beeple“ Winkelmann satte 53 Millionen Dollar in der digitalen Währung Ethereum verdient – und diese prompt in US-Dollar umgewandelt. Beeple zeigte sich dennoch von der Volatilität der Kryptowährung abgeschreckt. Auch Non-Fungible Tokens (NFTs) sind laut dem Künstler keine sichere Investition – er hält die hohen Preise, die durch die Krypto-Kunst erzielt werden, für Anzeichen einer Blase."
Diese Information/dieser Kommentar ist kein NFT-Original von mir, sondern wurde bei der Recherche zum Thema irgendwo im Netz gefunden. Oder wird er automatisch zum Original, wenn ich ihn mit NFT-Tschavgova signiere? Eigenes hab ich dazu nicht zu sagen, die NFT-Chose ist mir zu hoch - oder zu tiefgründig? - jedenfalls hat sie zu wenig Aura für mich, um sie interessant zu finden und meine Zeit damit zu vergeuden.

Danke

Danke für diesen treffenden Kommentar. Ich habe mich schon sehr gewundert, dass das UMJ diesen groben Unfug mitmacht, der nichts mit Kunst, sondern nur etwas mit Finanzspekulation zu tun hat (wenngleich damit die negative Seite des Kunstmarktes schön zur Kenntlichkeit gebracht wird).

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Die Kolumne Wolkenschaufler von Wenzel Mraček zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT.

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