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Kolumne
Wolkenschaufler_48

Eins noch für Emil Gruber (1959 - 2021)

Besser Bier im Mund
Als poor in mind!

Emil Gruber, 2015

Seit Jahren treffen wir einander montags im Café (sic.) Stockwerk zu Graz. Wir legen Wert darauf, hier keinen „Stammtisch“ zu halten! Das Wort hören wir nicht sehr gerne, wissen dennoch kein besseres. Wir sagen deshalb etwa „montags, im Stockwerk“ oder wir telefonieren montags kurz und sagen „im Stock“. Unser Vorsitzender wurde nicht ernannt. Er wird von uns aber Vorsitzender genannt, weil er immer am Kopf des Tisches sitzt, um die Beine besser ausstrecken zu können als an anderem Platz. „Montags im Stock“ hat allerdings er eingeführt, der Vorsitzende. Damit uns nämlich, wie er zu sagen pflegt, „der Dienstag etwas schwerer fällt“. Anordnungen, denen wir Folge leisten. Anordnungen, die wir ignorieren, weil wir jeweils selbst entscheiden.
Oder aber wir sagen gar nichts, sitzen schon da und wer kommt, ist auch da. Einer kommt jetzt nicht mehr: Emil Gruber. Weil er vielleicht – wir wissen es ja nicht, aber wir hoffen – Besseres gefunden hat. Er möge Besseres gefunden haben!

Emil hatte die Gabe, Sprachspiele aus der Situation zu finden. Wie obige Sentenz, die er, laut meinem Notizbuch, im Juni 2015 zur Begrüßung im Stock zum Besten gab. Neben unzähligen anderen im selben Jahr, an besagtem Ort, ein Kalauer: „Was bekommt das Pferd von Kara Ben Nemsi, wenn es sich ein Bein bricht? – Einen Rih-Gips!“ Oder immer wieder Wendungen, die beinahe gleich lauten, aber völlig anderen Sinn ergeben. Emil war Dichter. Und, nach Selbstbeschreibung in einem der unzähligen Artikel für GAT, „Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger“. Ein halbes Jahr als Bordfotograf auf einem dreimastigen Segler engagiert, fuhr Emil in die Südsee. Auf Vanuatu entdeckte er seine Faszination an Vulkanen. Einen späteren Reisebericht über Kunst und Architektur auf der Vulkaninsel Lanzarote überschrieb er mit „Latin Lava“.
Nach meiner Erinnerung tauchte Emil gewissermaßen auf. Vor nun knapp 20 Jahren, in einer Redaktionssitzung von GAT, saß da ein Neuer am Tisch. Michaela Wambacher, damals Chefredakteurin, stellte ihn vor: „Das ist Emil. Emil wird für GAT fotografieren.“ Das zunächst – und dann folgten seine Schriften über Architektur, Literatur, Stadtentwicklung, Kunst, Trampelpfade durch die Stadt, Geschichten um Geschichte und seine Kindheit in Leoben-Donawitz. Lange Zeit dachte ich, Emil sei Architekt. Lange Zeit hat Emil meine Vermutung nicht korrigiert, allenfalls war da ein Schmunzeln. Korrigiert auch nicht, als wir uns, im Jahr nach der besagten Redaktionssitzung, zufällig auf der Architekturbiennale in Venedig trafen. Stück für Stück und erst mit den Jahren unserer Gemeinsamkeiten erzählten wir einander Biografisches. „Aber das tut hier nichts zur Sache“, leiteten wir später auch ein Western- Hörspiel ein, das wir gemeinsam mit Shannon Wardell für einen von Ö1 ausgeschriebenen Wettbewerb verfassten. Nicht allein die Idee für Hondo – Die letzte Kugel stammte von Emil, dem Cineasten.

Wenn auch nicht abgeschlossen, hatte Emil Geschichte studiert. Über seine immense Sammlung von Büchern, Kunstwerken, vor allem aber Fotografien, Cartoons und Zeitdokumenten wurde er, quasi im Selbststudium und durch Austausch und Korrespondenzen, zum Zeithistoriker. Ungewöhnlich waren auch Vermittlungs- und Ausstellungsformate, die Emil erfand, und die auf weitreichendes Interesse stießen. Tarnschriften (2013) – überwiegend aus der eigenen Sammlung – handelten von politischen Botschaften in unverdächtigem Umschlag, Keep Smiling! Humor als Waffe (2015) von Spott und Witz in Karikaturen während Nationalsozialismus und Kaltem Krieg. Seine letzte Ausstellung, 2020 in Prenning, trug den Titel Die nervöse Zeit. Abermals aus der eigenen Sammlung waren Karikaturen aus der Zeit des Austrofaschismus zu sehen, „als Mahnung an jene, die meinen, die Demokratie könne ihre Interessen nicht mehr wahren und die sich einen starken Mann wünschen“, schreibt Emil in seiner Einleitung zur Schau.
Emil „schreibt“, weil die Schrift bleibt. Denn, hätte Emil vielleicht gesagt, immer ist jetzt und die Schrift ist immer im Jetzt.
An solchen Dingen gab es auch für mich jeweils zu tun. Und nicht allein daraus bleibt mir das Gefühl, wir seien seit je miteinander verbunden. Seit je, heißen für mich die knapp 20 Jahre, in denen ich mit Emil über Stadt und Land gezogen bin. Sogar bis nach Fürstenfeld-Bruck bei München, als wir eine Ausstellung des Malers Guido Zingerl für Graz besorgten. Und durch Graz, als mich Emil an den von ihm in den 80er Jahren gepflanzten Mammutbaum führte. Eine der vielen skurrilen Geschichten: Emil war zu einer Geburtstagsfeier geladen, die dann doch nicht stattfand. Was tun mit dem am selben Tag in einer Gärtnerei erstandenen Geschenk, einer gerade noch handlichen Zypresse? Nachts fand sich im Herz-Jesu-Viertel ein Ort, an dem sich der Baum bis heute wohl fühlt. Er ist jetzt gute 20 Meter hoch.

Cheers, Emil, und ahoi!

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Tue 13/07/2021

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Kommentare

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Emil!

...wenn ich das lese und wann immer ich an dich denke, zaubert mir die Erinnerung an dich, zauberst du mir von da oder irgendwo aus ein Schmunzeln ins Gesicht. Danke!

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Schaufler für Emil.

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