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Links: Rail Car, 2022 (Screenshot, Montage: Mraček, https://theartling.com/en/artzine/rail-car-bob-dylans-first-monumental-sculpture-france) Rechts: Kunstzug, 1990/92 (Foto: Mraček)

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Kolumne
Wolkenschaufler_62
Sieben Tonnen Stahl

Mack the Finger said to Louie the King
"I got forty red, white and blue shoe strings
And a thousand telephones that don't ring
Do you know where I can get rid of these things?"
Louie the King said, "Let me think for a minute, son"

And he said, "Yes, I think it can be easily done
Just take it on down to Highway 61"

(Highway 61 Revisited, Bob Dylan, 1965)

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Als Punk, Jazz und Techno kann man vielleicht die Musik von Martin Kippenberger bezeichnen, die in Aufnahmen von 1979 bis 1995 vorliegt. Darunter etliche Coverversionen, etwa von Yuppi Du, Cheek to Cheek beziehungsweise mehrere orchestrierte Fassungen nach Joseph Beuys‘ Sprechperformance Ja, Ja, Ja, Nee, Nee, Nee von 1968, eine davon auch „Für Erwachsene“. Einige schnell ausgeführte Hörproben erweisen sich zwar als ziemlich herber Tobak, singen zum Beispiel konnte Kippi nicht auffallend gut, aber als Musik muss man diese Werke dennoch begreifen. Wenn man dem bildenden Künstler auch Konzeptkunst attestieren will, dann waren seine musikalischen Ausritte im Sinn eliminierter Genregrenzen nichts anderes als Konzeptwerke.

Wenngleich nicht unbedingt kunsthistorisch auffällig, echauffiert sich doch niemand über die Malerei der kanadischen Singer-Songwriterin Joni Mitchell. Etliche Plattencover zeigen Abbildungen ihrer Ölgemälde. Auf ihrer Website sind zahllose Bilder seit den 1940er-Jahren gelistet, denen ein Zitat von 1998 vorangestellt ist: „Ich bin in erster Linie Malerin und in zweiter Linie Musikerin.“ Weil wir dem Kategorisierungseifer nicht entkommen und Schubladisieren die Konstruktion der Weltbilder vereinfacht, denken wir uns Kippenberger als strikt bildenden Künstler und Joni Mitchell als Musikerin.

Als vor zwei Jahren Ronnie Wood, Gitarrist der Rolling Stones, 100 Stück seiner malerischen Werke in einer englischen Galerie ausstellte, schrieb ein Rezensent des Guardian, es handelte sich um „fröhliche, kitschige Pastiches“ und ließ immerhin einen Vergleich mit David Hockney anklingen. Die mit den Bildern verbundenen Reverenzen an Picasso oder El Greco, schrieb ein Kritiker der ArtReview, führten wahrscheinlich nur dazu, dass sich ein unbedarftes Publikum eventuell für die genannten Künstler interessieren könnte, „weil sie von einem Stone gesalbt wurden“. Wood bleibt nach Meinung der Rezensenten der Gitarrist der Rolling Stones, ist bestenfalls Vermittler, aber kein bildender Künstler.

Und jetzt auch noch Bob Dylan. Schon als der Folk-Musiker 1965 beim Newport Folk Festival in die Saiten einer Fender Stratocaster-Stromgitarre griff, wurde er von seinen Anhängern heftig ausgepfiffen. Seine Rede zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises (Preis 2016, Rede 2017) wurde vielfach kritisiert, weil Dylan seine Quellen nicht bekannt gab. Von Plagiaten war die Rede, nachdem er sich bei Homer, Herman Melville oder Erich Maria Remarque bedient haben soll. Man müsse allerdings unterscheiden, kommentierte der Literaturwissenschafter Heinrich Detering in einem Interview, „zwischen intellektueller Redlichkeit, an der er es hat mangeln lassen, und Kreativität“.
Kommentiert nun der Wolkenschaufler: Kennt man Dylans Songtexte und weiß so grosso modo um deren Genese, dann finden sich immer wieder, wenn nicht Zitate, so Bezüge zu literarischen Texten oder Übernahmen aus Zeitungsartikeln. Dylanologen erzählen, dass Bob in den 60ern und 70ern tagelang in Bibliotheken saß und aus alten Zeitungen notierte. Die literaturwissenschaftlich verbürgte Methode nennen wir „Montage“, nämlich die Neuabmischung vorhandenen Textmaterials, wie sie in unseren Breiten etwa von der Wiener Gruppe gepflegt wurde. Tristan Tzara, Hans Arp und James Joyce (deshalb in gewisser Weise auch Arno Schmidt) betrieben solches Textgenerieren und der Beat-Poet William Burroughs nannte die „Schnitttechnik“ Cut-up. Dylan hat keine wissenschaftliche Arbeit verfasst, er hat in seiner Rede zur Preisverleihung Dichtung nach seiner Art betrieben, für die er ja ausgezeichnet wurde.

Nach einem Artikel in art (Das Kunstmagazin, August 2022) fischt der Musiker und Träger des Literaturnobelpreises nun aber in völlig fremden Gewässern. Der „Sänger“, heißt es hier, „lässt seine kreative Energie seit etlichen Jahren auch in Malerei und Skulptur fließen – allerdings mit viel zweifelhafteren Ergebnissen, als man vielleicht hoffen würde“. Im französischen Weingut Château la Coste (Provence) nämlich ist seit dem 9. Mai Dylans Rail Car zu bewundern, eine sieben Tonnen schwere Skulptur auf Basis eines Eisenbahnwaggons, der mit schmiedeeisernen Versatzstücken versehen ist, die auf Aspekte seiner Jugend verweisen und auf seine Herkunft aus dem Iron Ore Country von Minnesota (Eisenerzland). Rezensent Raphael Dillhof beschreibt die Skulptur in art mit „Anklängen an Garten-Deko aus dem Baumarkt oder die Dorfkreisverkehr-Versionen von Tinguely“. Einen Vergleich mit dem Kunstzug (der jetzt in Gratwein steht) des Bildhauers Othmar Krenn führt der Autor verständlicherweise nicht, coz all the way from Provence to Provinz ist ein breiter. Aber er schließt, Dylans Skulpturen hätten auch „etwas Gutes. Sie zeigen nämlich, dass auch eine Legende mal danebengreifen kann.“

„Ja dürfen’s denn des?“, soll Kaiser Ferdinand gefragt haben, als man ihm 1848 mitteilte, dass aufgebrachte Bürger auf die Straßen gingen. Muss der Zimmermann Robert bei seinem Leisten bleiben? Wir kürzen die Diskussion hier ab: „Bring sie alle runter auf den Highway 61.“

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Tue 13/09/2022

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Die Kolumne Wolkenschaufler von Wenzel Mraček zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT

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