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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

ERFINDUNG EINER LANDSCHAFT

Man lernt früh aufstehen, um
mit dem Ablauf der Geschichte
vertraut zu werden.
Paul Klee

Man glaubte ja, lesen zu können, Buchstaben und Zeichen zu kennen und sie entsprechend zu entziffern und in einen Sinn zu fügen. In ein „Aha!“. Die Schrift ist die Schrift ist die Schrift. Man kennt sich aus. Und wenn sich unsereins nicht oder nur verstolpert auskennt, ist es entweder die sumerisch-akkadische Keilschrift, sind es chinesische Zeichen oder ist es die Silbenschrift der Cherokee. Oder etwas Arabisches oder Kyrillisches oder Asiatisches. Oder es stammt von den Maya.

Nun gibt es eine neue Schrift zu entdecken, die einem irgendwie bekannt und verwandt scheint – es aber doch nicht ist. Die Zeichen wirken vertraut, sind aber im herkömmlichen Sinn nicht zu deuten. Es geht sozusagen knapp an der Pointe vorbei und somit mitten ins Schwarze. Oder ins Blaue. Jedenfalls in ein Richtiges.

Diese Schreibschrift ist Bestandteil und Ahnung und Beleg von Landschaften, die Sigi Faschingbauer bezeichnet, bemalt und irgendwie beschrieben hat. Und das kam so: Er zog sich aus dem Trubel des erfolgreichen Berufslebens und aus der Stadt zurück und verzog sich aufs Land, an den Waldschachersee. Dort begann er wieder zu malen. Ein wichtiges Motiv war für den Städter natürlich die natürliche Gegend, die ihn umgab. Da ist das Risiko groß, Weinberge, Stadel und Kühe zu aquarellieren. Das kann mehr oder weniger Gelungenes ergeben, aber Faschingbauer wollte es anders: Seine verschatteten Hänge, seine Leiten und Lichtungen, Morgenröten und Sonnenuntergänge und seine verschneiten Hügel bestehen aus Schrift. Oder vielmehr „Schrift“.

Diese erfundenen – erträumten? erinnerten? ersehnten? – Landschaften lassen sich nun in einem Buch durchwandern: Im Regen die Tinte, erschienen im Verlag Keiper. Es ist ein Buch, vor dem man beim Blättern leise sagt: „Oooch, ist das ein schönes Buch!“ Jedenfalls kann man es auf viele Weisen lesen. Oder auch „lesen“. Es ist ein Kunst- und Werk- und Tagebuch, es ist Protokoll und Einladung und Fotoalbum, jedenfalls hat Faschingbauer darin viel Aufgelesenes gesammelt, nebeneinander gestellt und zusammengefügt. Und weil er seit jeher einer ist, der gern Leute um sich weiß, hat er eine Köchin um Rezepte aus der Gegend ebenso gebeten wie Werner Krug um feine Fotos und Birgit Pölzl, Ulrike Maria Rauch und Wolfgang Pollanz um Literatur. Und natürlich sind verschieden temperierte Texte von ihm selbst auch dabei.

Weil er seit jeher einer ist, der seine Arbeiten zwischen Buch, Ausstellung, Installation und Performance ansiedelt – es sei an ein Projekt wie Polenta Magenta erinnert – setzt er diese Tradition mit seiner Erkundung der Südweststeier fort, tourt durch die Gegend und macht – „with a little help of my friends“ – allenthalben Station. In Kooperation mit der Steirischen Kulturinitiative und mit musikalischen Kalibern wie Michael Krusche und Toni Burger. 
Am 22. Oktober landet man in Wettmannstätten, am 28. in Groß St.Florian, am 7. November 2015 in Eibiswald.

PS: Weil es im akademischen Betrieb beim Zitieren angeblich oft schlampig, unredlich und sogar betrügerisch zugeht, sei hier reinen Herzens gebeichtet: Der Titel dieser Glosse wurde beim Kurator Wenzel Mraček stibitzt, der auch im Tintenregenbuch vorkommt. Mit einem Essay, so klug und einfühlsam und klar, dass man ihn nur plündern kann.
PPS: Man könnte in solchem Zusammenhang manchmal fast sagen: Wer mich nicht bestiehlt, beleidigt mich!
PPPS: Wird man am Land vergesslich? In der Arbeitsbiographie Sigi Faschingbauers fehlt der Hinweis auf die Ausstellung in der Arbeiterkammer Steiermark, die war anno 2012, von mir kuratiert. Oder ist sie ihm – seit er mit Seeblick wohnt – als Adresse nicht mehr nobel genug?
PPPPS: Harry Rowohlt hat geschrieben, ein Brief ohne PS sei gar kein so richtiger Brief.
PPPPPS: Recht hat er.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 20/10/2015

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Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person:
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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