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Blick von der Radetzkybrücke auf den neuen "Stadtbalkon", Anfang November 2020
©: Elisabeth Kabelis-Lechner

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Kommentar
MINUS – Stadtbalkon an der Mur

Als ich Anfang November über die Radetzkybrücke ging, sah ich zum ersten Mal den sogenannten Stadtbalkon. Ich war echt schockiert über das Bild, das sich mir bot. Ein von Zyklopenmauern flankiertes grobes Betonbauwerk, ein brutales Metallgeländer, viele freie Elektroverteilerkästen (es war natürlich nicht möglich, diese diskret in das Bauwerk zu integrieren) und eine geschmacklose, primitive „Balkonmöblierung“ ergeben ein optisches Desaster, für die sich Graz ordentlich schämen kann. Die WC-Anlage ist noch nicht fertiggestellt, betrachtet man jedoch das Rendering, wird das Ergebnis nach Fertigstellung auch nicht viel besser werden. Hier führt die Murpromenade durch und SpaziergängerInnen müssen an diesem neuen Unort vorbeigehen und zwangsweise den Leuten beim Chillen auf primitiven Palettenmöbeln und beim Spielen diverser Spiele (z.B. Dart, wo Pfeile offensichtlich über die Promenade geworfen werden) zusehen.
Die Holding Graz, die für dieses Wasserbauwerk zuständig ist, schreibt auf ihrer Homepage: „Die Mur noch besser erlebbar zu machen, sie zurück in die Stadt zu holen - das ist das Ziel aller Maßnahmen, die im Projekt 'Lebensraum Mur' zusammengefasst sind. Es ist eine Vielzahl an einzelnen Maßnahmen, die nun umgesetzt werden oder schon teilweise umgesetzt wurden. Dazu zählen u. a.: Der Stadtbalkon" 

Es stellen sich folgende Fragen:
1.) War die Mur einmal weg, weil man sie in die Stadt zurückholen muss?  und
2.) Wieso soll durch diesen grässlichen Stadtbalkon die Mur besser erlebbar werden?
In der von der Stadt herausgegebenen Broschüre Agenda 22 Lebensraum Mur ist zum Stadtbalkon das zu lesen: „Um den zentralen Speicherkanal zu betreiben, müssen acht Wartungs- und Entlüftungsbauten errichtet werden – einer davon südlich der Radetzkybrücke. Das technische Bauwerk wird in die Ufergestaltung miteinbezogen und zum 'Stadtbalkon' ausgebaut. Mögliche Nutzungen durch Gastronomie, Stand-up-Paddelverleih, Eis Kiosk bzw. WC innerhalb der Hangnische sind vorgesehen“
Die Kleine Zeitung titelte am 15.09.2020: „ein Balkon an der Mur: Neue Chillout-Lounge lockt mit Sport Spiel und Erfrischung.“ Und schreibt weiter: „Wohnzimmeratmosphäre, die aufs Wasser blickt: Seit dieser Woche hat der Grazer Stadtbalkon eröffnet -– zwei Wassersportler bitten dort zu Spiel, Sport und Entspannung.“ 
Auf der Homepage der Pächter ist zu lesen, dass man neben Wassersport und Spielen auch eine Bühne für Konzerte plant. Darüber  werden sich die BewohnerInnen am Ufer gegenüber sicherlich sehr freuen.
Es stellt sich die Frage: Warum wurde die Gestaltung dieses Stadtbalkons, der immerhin mit 180.000 Euro budgetiert wurde, nicht auch in Form eines Architekten- oder Designwettbewerbes abgewickelt bzw. als Teilaufgabe des Wettbewerbs Bootshaus mit ausgeschrieben werden? Wie konnte dieses das Stadtbild und Murufer verschandelnde Bauwerk eine Bewilligung durch die ASVK erhalten – oder war diese gar nicht eingebunden?

Verfasser / in:

Elisabeth Kabelis-Lechner

Datum:

Wed 25/11/2020

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Kommentare

Übergangslösung

S.g. Damen und Herren,
danke für Ihren kritischen Kommentar zum momentanen Erscheinungsbild des Stadtbalkons. Ich kann Ihnen aber versichern, dass es sich dabei um ein Provisorium handelt, damit ein sportlicher Betrieb mit Kajaks und SUPs stattfinden kann, da das gerenderte Konzept noch etwas braucht, bis es umgesetzt wird.
Bis dahin haben wir auf private Kosten und mit temporärer Bewilligung einen Seecontainer aufgestellt, der wieder abtransportiert wird, sobald die Planungen zu einem dauerhaften und ästhetischerem Bauwerk konkret umgesetzt werden.
Wir bekommen nicht einen Cent aus öffentlichen Geldern für unsere Übergangslösung.
mit freundlichen Grüßen,
Jakob BATEK

momentanes Erscheinungsbild

Sehr geehrter Herr Batek!
Können Sie den Leser*innen sagen, wann die Planungen zu einem dauerhaften und ästhetischerem Bauwerk konkret umgesetzt werden?
Wenn dann dieses "ästhetischere Bauwerk" fertiggestellt sein wird, werden wir es mit einem architekturkritischen Blick gerne nochmals kommentieren.

Warum nur, warum?

Weil kritische (Selbst-)Reflexion keine Eigenschaft unseres HBM und der für die Stadtentwicklung verantwortlichen Dauerlächler ist - siehe das letzte BIG spezial Heft, die offiziellen Seiten der Stadt, diesmal nur der Stadtentwicklung und Baukultur gewidmet.
Und weil man offensichtlich glaubt, dass der Titel Designstadt schon ausreicht, um eine zu sein. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wär.

Infobox

MINUS – Stadtbalkon an der Mur

Der neue Stadtbalkon – ein Beispiel von Kulturlosigkeit im Graz Kulturjahr 2020

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