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GRAZ KULTURJAHR 2020. Sujet des Dossiers
©: Bettina Landl

_Rubrik: 

Bericht
Stadtökologische Perspektiven

Wenn von Wildbienen, Faltern, Florflüglern und weiteren Insekten die Rede ist, von Biodiversität, bienen- und insektenfreundlichen Wildpflanzen (wie Gräser, Kräuter, Stauden) und einer naturnahen Umgestaltung, handelt es sich um die Arbeit im und am Biotopverbund wie auch eine sorgsame Auseinandersetzung mit Stadtökologie. Denn dann geht es unter anderem um nichts weniger als (Klein-)Lebensräume für Pflanze, Tier und Mensch.

Vorgärten in Graz
Urbane Baukultur, Stadtökologie und Lebensqualität vor der Haustüre

Das Ökoteam – Institut für Tierökologie und Naturraumplanung rund um Helwig Brunner – beschäftigt sich im Rahmen des 2020-Projekts Vorgärten in Graz mit der gründerzeitlichen Vorgartentradition in den Bezirken Geidorf, St. Leonhard und Jakomini. „Das sind im Wesentlichen die Vorgärten vor den gründerzeitlichen Häusern, aber durchaus auch vor neueren Häusern, die eben entsprechend diese Grünzeilen fortsetzen“, beschreibt Helwig Brunner ihre Beschränkung auf diese gründerzeitlichen Vierteln. Die Forschungsschwerpunkte liegen „einerseits auf dem architektonisch traditionellen Hintergrund, wofür wir einen Architekten mit im Boot haben, um das Thema auch von der architekturgeschichtlichen Seite aufzurollen, andererseits beschäftigen wir uns mit stadtökologischen Aspekten, wofür unser Büro 'Ökoteam' das Kompetenzzentrum im Rahmen dieses Projektes darstellt, denn wir sind ein zoologisch-naturschutzfachliches Fachbüro. Nun wollen wir uns die Ökologie der Vorgärten anschauen. Zu diesem Zweck haben wir zunächst eine Karte aufgesetzt, um welche Vorgärten es sich handelt, damit man weiß, welche Straßenzüge überhaupt begangen werden müssen. Im Besonderen aber haben wir einen Erhebungsbogen entwickelt, mit dem wir alle diese Vorgärten entsprechend dokumentieren werden, nach einer Vielzahl von Kriterien: Die Ausgestaltung – angefangen beim Zaun, über die gärtnerische Gestaltung, beginnend bei dem formal-ästhetischen Gesamterscheinungsbild, bis hin zu verschiedenen Einzelaspekten wie zum Beispiel Sondernutzungen“, veranschaulicht Brunner die angewandten Methoden. „Wir dokumentieren genau die Vegetationsstruktur, die Ausstattung in diesen Vorgärten, dann ökologisch relevante Sonderstrukturen wie Stellplätze für PKW oder Mülltonnen. Ist da jetzt zum Beispiel ein morscher Baumstrunk vorhanden, der als Kleinlebensraum fungieren kann für irgendwelche Insekten, oder gibt es da Vogelnistkästen oder einen Tümpel, in dem verschiedene Kleintiere leben können? Uns geht es besonders um die Biodiversität, die letztlich bei entsprechender Vermittlung, also Bewusstmachung, auch ein Teil der Erlebnisqualität dieser Vorgärten und damit ein Teil unserer Lebensqualität sein kann. Wir werden uns auch bei rund 20 Vorgärten ganz genau anschauen, was lebt dort an Kleinlebewesen usw. – wie viele unterscheidbare Tierformen können wir in einer bestimmten standardisierten Zeiteinheit, in einer Beprobungseinheit erfassen? All das wird dann mit den erhobenen Merkmalen in Beziehung gesetzt und dadurch wird sichtbar, was macht es aus, ob in einem Vorgarten viel oder wenig lebt oder vielleicht beinahe gar nichts. Dazu kommt dann noch der wichtige Aspekt des Biotopverbundes: Sind diese Vorgärten isoliert, irgendwo inselartig im Stadtinneren, oder haben sie eine Anbindung an den Grünraum des Umlandes?“

Nature!
Utopien (um-)setzen

Das 2020-Projekt Nature! bepflanzt unter Beratung und Begleitung von Dr. Philipp Sengl (Ingenieurbüro für Biologie, Schwerpunkt Ökologie und Botanik), BSc Lorenz Gunczy (Universalmuseum Joanneum, Abteilung Zoologie), Mag. Johannes Rabensteiner (Universität Graz, Abteilung Botanik) und in Kooperation mit der Natur.Werk.Stadt (hosted by Naturschutzbund,
Mag. Daniela Zeschko) sowie der Abteilung für Grünraum und Gewässer der Stadt Graz (DI Tomas Stoisser), eine öffentliche Grünfläche mit Wildpflanzen: Die Rasenfläche vor der Oper, im Zentrum der Stadt, wird mit bienen- und insektenfreundlichen Wildpflanzen (Gräser, Kräuter, Stauden) naturnah umgestaltet und bringt auf diese Weise unerwartet Flora und Fauna direkt zu den StadtbewohnerInnen. Das Projekt stellt Fragen nach unserem Umgang mit Natur, welche Formen diese durch zivilisatorische Eingriffe in der Stadt annimmt und welchen Raum man der Wildnis im urbanen Gefüge lässt. „Es sind längere Zeiträume, um die es hier geht. Auch nimmt das Projekt hier vor der Oper seinen Anfang, kann sich aber durchaus auf andere Bereiche ausdehnen“, ist Anita Fuchs überzeugt. „Zuerst wird der Rollrasen entfernt, die Schüttung zur Decke der Tiefgarage offengelegt, der Platz Ende März/Anfang April mit Saatgut aus regionalen „Saumarten“ eingesät – das mehrmalige Austauschen von vorgezogenen Pflanzen aus den Glashäusern und den Freibeeten der Holding entfällt – mit nur einem Verjüngungsschnitt kann die Bepflanzung bis in den Herbst bestehen und sich im nächsten Frühjahr wieder regenerieren“, erläutert Fuchs. „Die Saummischung besteht explizit aus Wildplanzen, die für dieses Projekt ausgewählt wurden. Es handelt sich um biogeografisches Saatgut, das auf den Standort abgestimmt ist. Und im besten Fall bleibt es permanent. Es könnten sich beispielsweise auch Insekten ansiedeln oder Ähnliches. Es wird gesät und dann im Laufe der nächsten zwei Jahren evaluiert, wie sich die Fläche entwickelt. Es erfolgt also ein faunistisches Monitoring der Artenvielfalt der blühenden Flächen sowie ein vegetationskundliches Monitoring, wie sich die eingesäten Arten im Stadtgrün etablieren. An den Beeten werden Hinweis- und Informationstafeln zu Flora und Fauna angebracht – es sollen dort Führungen und Wissensvermittlung stattfinden. Es ist ein Kunstprojekt, das konkret mit der Wissenschaft zusammenarbeitet“, erklärt Fuchs. Scheinbare Fußnoten des urbanen Lebens, wie Pflanzen im Stadtraum, demonstrieren Kultur. „Diversität, Vielfalt, das Nebeneinander verschiedener Kulturen, Toleranz, Möglichkeiten bieten, Nischen schaffen, Experimente erlauben, die Natur und das Klima respektieren, nachhaltig wirtschaften, Utopien umsetzen: Das kann auch in Form von Natur im Stadtraum visualisiert werden“, ist Fuchs überzeugt. Das Projekt, das wie geplant umgesetzt werden soll, stellt einen Versuch dar und soll für zukünftige Stadtbepflanzungen ein ökologisches Umdenken hinsichtlich pflanzlicher Biodiversität erproben. Bei einem zufriedenstellenden Ergebnis plant die Abteilung für Grünraum und Gewässer der Stadt Graz, weitere Flächen derart anzulegen bzw. umzugestalten.

Verfasser / in:

Bettina Landl

Datum:

Mon 23/03/2020

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Stadtökologische Perspektiven

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Bettina Landl stellt zwei weitere Projekte vor:

  • Vorgärten in Graz hat stadtökologische Aspekte wie auch das Phänomen des Biotopverbundes, das das Überleben von Arten sichert – den Menschen mit eingeschlossen – im Fokus.
  • Nature! verhandelt die Begriffe Diversität, Vielfalt, das Nebeneinander verschiedener Kulturen sowie Toleranz in Bezug auf Natur im Stadtraum.

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