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Filmkritik von Wilhelm Hengstler zum Festival 2018, das am 18. März zu Ende gegangen ist.
©: Diagonale / Paul Pibernig

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Bericht
DIAGONALE Überlegungen

Die DIAGONALE präsentierte nicht nur pünktlich zum Jahrestag des österreichischen „Anschlusses“ den Film Murer (UA) von Christian Frosch zu ihrer Eröffnung. Mit diesem Film, der den Prozess gegen den steirischen „Schlächter“ von Wilna schildert, lag sie auch punktgenau. Der fand nämlich in Graz, der „Stadt der Volkserhebung“ statt und nach seinem Abschluss ging Franz Murer als freier Mann nach Hause, wo er noch viele Jahre glücklich bis an sein Lebensende lebte.
Aber nicht nur mit ihrem Eröffnungsfilm spielten die Intendanten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber vierhändig & virtuos auf dem Festivalklavier. Ihre Programmierung insgesamt und besonders auch schwieriger Filme stellen ihnen ein mutiges Zeugnis aus.
Je unbedeutender Kinos für die ökonomische Auswertung von Filmen sind, desto wichtiger werden ja die Festivals: Und zwar weniger als Marktplatz für die Filmverwertung, als ein besonderer, früher dem Kino zugeschriebener Ort für cineastische und vermehrt auch politische und identitätsbildende Wahrnehmung. Schauspielerin Julia Gräfner machte das in ihrer Eröffnungsconference mit ihrer sarkastischen Kritik am abwesenden Bürgermeister Nagl (ÖVP) und seinem Stellvertreter Mario Eustacchio (FPÖ) fast zu deutlich.

Dass Filme eben eindringlicher sprechen können, demonstrierte Frosch mit seinem Film. Murer, dessen Untertiel Anatomie eines Prozesses nicht zufällig an Otto Premingers Anatomie eines Mordes aus dem Jahr 1959 erinnert. Die beiden Filme stehen gewissermaßen invers zueinander: In Premingers Film geht es um einen zu Unrecht Beschuldigten, der des Mordes freigesprochen wird. In Murer geht es dagegen um einen zu Recht beschuldigten, (tausendfachen) Mörder, der ebenfalls freigesprochen wird.
Mühelos wie sein berühmter, österreichisch-amerikanischer Vorgänger scheint auch Christian Frosch großes, klassisches, Kino in Gang setzen zu können, ohne dabei das Politisch-Soziale aus dem Fokus zu verlieren. Ein genuines Kinogefühl mischt sich mit dem Engagement. Besonders deutlich war das schon an seinen unterschätzten Weiße Lilien aus dem Jahr 2007 zu sehen. Auch Murer gewinnt Insbesondere in den Gerichtssaalszenen eine Unmittelbarkeit, die über die Filmfiktionen über den Holcaust durch Spielberg, Benigni ja sogar Polanski hinausgeht. Man kann der uneinholbaren Authentizität von Claude Lanzbergs Shoa nicht näher als Frosch kommen, der sie im Gerichtssaal gleichsam nachinszeniert. Zusätzlich zeigt die Anatomie des Prozesses auch Szenen außerhalb des Gerichtssaales, in denen die damalige (post)faschistsche Realität Österreichs aufgefächert wird. Dabei fragt sich, ob der Prozess allein nicht auch diesen historischen Szenenreigen hinreichend umrissen hätte. Die Verteidigung setzte hauptsächlich auf den Beweis, dass Murer verwechselt worden sei… Und besteht darin nicht auch die Verteidigung des immer schon demokratischen Österreichers? Großer Diagonale-Preis.

Daneben präsentierte das Festival vergessene, exotische und anstößige Bilder. Beispielsweise Lucky Stepaniks Jugendliebe von 1983, in dem es um die Schwangerschaft einer Jugendlichen geht. Das ORF-Fernsehspiel überzeugt durch einen sensiblen Realismus; weitab von Tatorten oder Beziehungsfilmen, die gegenwärtig primär zur Aufarbeitung gesellschaftlicher Wirklichkeit dienen, zeigt Stepanik was das Fernsehspiel im staatlichen Hauptabendprogramm einmal leisten konnte. Was sehr nachdenklich in Bezug auf die kolportierte „Entstaatlichung“ des ORF stimmt. 

Vergessene Bilder kamen mit dem philippinischen Mababangong Bangungot (Der parfumierte Alptraum) aus der Dritten Welt. In seinem kompromisslos subjektiven Film erzählt Kiflat Tahinik von den Lebensumständen in seinem Dorf, das nur über eine schmale Brücke mit der Außenwelt verbunden ist, von seinem grell bemalten Taxi, seinem Faible für Caoe Canaveral und Wernher von Braun: Hundert Jahre Einsamkeit auf asiatisch, Schelmenerzählung, USA-Verehrung und Kolonialismuskritik in einem – nur keine abgepackte Filmformel.

Mit Phaidros (UA) übertrifft Mara Mattuschka, Veteranin eines künstlerischen anti-kommerziellen Kinos, auch handwerklich viele sich marktkonform gebende Filme des Festivals. Virtuos inszeniert die in der Steiermark geborene Regisseurin Platos Dialog über das Verhältnis von Freundschaft und Liebe. Was eher theoretisch klingt ist tatsächlich eine furiose, mitreißende Story aus dem Berliner Schwulenmilieu unter deren schrillen Oberfläche ein heiterer, kluger Humanismus pulsiert. Zwei Schauspieler – einer ein böser Star, der andere jung und aufstrebend – gehen während der Proben zu Phaidros ein Verhältnis ein; ihre Partner leiden, sind eifersüchtig, es gibt einen Mord, an dem drei und zuletzt keiner schuldig ist, und alles endet ironisch in einer geradezu kleinbürgerlich-glücklichen Homopartnerschaft. Sepp Nermuth leistet eine fabelhafte Kameraarbeit, die Protagonisten spielen bei aller Exaltiertheit präzise und die Locations sind großartig. Phaidros wäre für jeden großen Preis des Festivals gut gewesen. Die Low Budget Produktion, auch von der CineArt gefördert, sieht nicht nach 200.000 Euro aus – eher nach dem Doppelten, und die Preise für Szenenbild (Paul Horn) und Kostüm (Peter Paradies) spiegeln diese Qualitäten.

Zauberer (ÖEA), geschrieben gleich von Dreien, dem bekannten Autor Clemens J. Setz, dem Regisseur Sebastian Brauneis und dem Schauspieler Michael Ofczarek hat den Thomas Pluch Spezialpreis bekommen. Der Zauberer verfügt – vermutlich ein Verdienst des stimmenvernarrten Ofczarek – über gute Dialoge und viele Szenen sind wahrhaft beklemmend. Aber die ineinander verschlungen Episoden über vielerlei Forman der Einsamkeit ergeben eine schwer nachvollziehbare Storyline und die Regie macht diese Komplexität trotz toller schauspielerischen Leistungen nicht immer transparent.

Lukas Feigelfelds Hagazussa (ÖE) war dagegen geradezu monolithisch; sein Film über eine Hexenmutter und ihre Tochter in den österreichischen Alpen des 17. Jahrhunderts ist vermutlich die am meisten kontroversielle Arbeit des Festivals. Die Mutter stirbt, die traumatisierte Tochter führt ausgegrenzt ihre Hexenleben weiter, hat selber ein Baby, verliert sich aber immer mehr. Schließlich ertränkt sie ihr Kind und würgt sogar Teile des Leichnams hinunter. Der Regisseur spricht von einem Horrorfilm über die Psychose der Kindesmutter und natürlich fällt einem dazu gleich Polanskis Ekel mit Catherine Deneuve ein. Aber der wahre Horror von Hagazussa liegt in den gleichsam dokumentarisch ekligen Bildern, die sich jeder, selbst der ästhetischen Anti-Ästhetik des Horrorgenres verwehren. Und sie liegen in der störrisch-langsamen Inszenierung, mit der eine Idylle voll bedrohlicher Naturmagie ausgestellt wird. Diese Omnipräsenz böser Natur- und Menschenkräfte macht die Psychose fragwürdig und ist vielleicht mit ein Grund, warum der Film im Fremdenverkehrsland Österreich bisher nicht zu sehen war. Der Kamerapreis für die sperrigen, mit natürlichen Licht gedrehten Bilder von Marie Baqueiro war jedenfalls eine kluge Entscheidung und für Lukas Feigelfeld eine verdiente Genugtuung.

Ein Festival also, das in seinen Ecken und Untiefen interessanter war, denn als Leistungsschau der Österreichischen Jahresproduktion, wie sie sich in Shirin Neshats Looking for Oum Kulthum (ÖEA) perfektionistisch glatt oder in Hanekes Happy gelungen alterslässig zeigte. Filmfestivals wie die DIAGONALE können die Entropie des Bilderuniversums ebensowenig stoppen, wie alle Versuche, eine Kinowirtschaft am ökonomischen Tropf zu halten. Aber im kulturpolitischen Rahmen kommt ihnen eine wachsende Bedeutung zu. Und neben der oft einzigen Möglichkeit für die Filmemacher ihre Arbeiten zu zeigen bieten sie eine wenn auch ansatzweise Chance auf finanzielle Einnahmen. Immerhin, auf der DIAGONALE 2018 wurden 184,000 EU an Preisgeldern vergeben.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Mo. 26/03/2018

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DIAGONALE Überlegungen
von Wilhelm Hengstler zum Festival des österreichischen Films, das am 18. März 2018 zu Ende gegangen ist.

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