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Sonntag
Geschäfte mit der Sehnsucht_Teil II
Wie sich der Vinschgau aus seiner Banalität befreit

Dabei stehen nicht Funktionalität und Kosten im Vordergrund, sondern die Aneignung des Dorfes und seiner Landschaft durch Bewohner und Bewohnerinnen.

Im Vinschgau hat die Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause denselben Nährboden und dasselbe Fundament wie anderswo, nur stellt sie sich wegen der Monokulturbewirtschaftung anders dar. Hier ist die Natur Zentimeter für Zentimeter verbaut, man kann auch sagen kultiviert. Überall haben die Menschen in diesem Land geschaffen, gebaut, gelenkt und gestaltet. Das Land ist voll. Der Vinschger und die Vinschgerin ignorieren die Unmengen von Beton, Sondermüll und Grünflächen, welche übertriebene Maschinenparks, Garagen, Straßen, Werkstätten, Magazine und Parkplätze verschlingen - vielleicht oder gerade weil er/sie sich in ihren Eigenheimen vor diesem Wahnwitz sicher fühlen, doch vor allem, weil sie auch viel dafür investiert haben. Der Einzelne ist der Masse unterlegen, kann und will die Macht der Masse weder ein- noch abschätzen und überlässt das lieber der Politik – und das weiß die Politik. Die Aufgabe der Politik ist nicht (mehr) die Gesellschaft abzusichern, sondern Maßnahmen gegen die geistige und materielle Monokultur zu setzen und zu fördern. Zu warten, bis der einzelne Bürger von sich aus Regulative setzt, ist zynisch und sträflich asozial, denn Gemeinschaft und Gemeinsinn fördern, ist immer noch ein politischer Auftrag. Wenn andere Wohnbaukonzepte geschaffen werden und damit Bau-Vielfalt entsteht, wenn das Leben, die Natur nicht eingedämmt werden und deren Wertschöpfungen für die Gemeinschaft erkannt werden, dann empfinden wir den Vinschgau als schön.

Geschiedene, Singles, AlleinerzieherInnen, Senioren, alleinstehende Menschen, Jugendliche und Behinderte  haben in diesem System keinen Platz, haben keinen Anspruch auf Glück, denn sie bauen nicht. Wer aus diesem Kreislauf aussteigen will, wer ihn durchbrechen will, wird überall behindert und beeinträchtigt, denn diesem ungeschriebenen Gesetz kann man nichts entgegensetzen. Es gibt keine alternativen Wohnformen wie allerorts üblich als Entlastung finanzieller Bürden für manche Familien, als Abbau sozialer Spannungen oder als Ausweg familiärer Katastrophen. Dafür bietet der Markt hierzulande keinen Raum für Andersartige und Andersdenkende, keine Wege für Querdenker, deren Lebensaufgabe nicht im Bauen liegt, weil alternatives Wohnen, alternatives Reisen (mit öffentlichen Verkehrsmitteln) weder kulturelles noch soziales Programm ist.

Meistens ist Wohnen standardisierte Stangenware, die veränderten sozio-demografischen Bedingungen gibt es auch auf dem Land, nur greifen sie baulich nicht so wie in der Stadt, das heißt, die Lebensweisen, die Rollenverteilungen Mann und Frau berufstätig, die Kleinfamilien und Scheidungsraten sind inzwischen genauso hoch wie in der Stadt. Trotzdem werden immer noch Einfamilienhäuser errichtet, welche dem idealen Konzept der Wiederaufbauzeit entsprechen, einem idealen Lebensentwurf einer glücklichen Familie mit Kindern, Haus, Auto und Hund. Einfamilienhäuser in allen technischen Varianten, Farben und Formen, überschwemmen den Markt, sind so aktuell wie noch nie.

Alternative Wohnbaukonzepte bieten sich jedoch geradezu an. Dabei steht
 nicht die Architektur im Vordergrund, sondern die Aneignung der Wohnbauten
 durch Bewohnerinnen und Bewohner. Die alternativen Wohnmodelle wollen ja nicht etwas Besonderes sein, sondern sich einfach einfügen in die Gemeinschaft der Altbauten, in das Dorfleben und sind gegen Dorfsterben, Absonderung, Vereinsamung und gegen sozialen Absturz. Genossenschaftsmodelle (1) sind dafür bestens geeignet. Erstens sind sie günstiger und zweitens haben die zukünftigen Bewohner mehr Freiheiten und Auswahl durch partizipative Planung und Beratung. Wenn interessierte Gruppen selbst Initiativen ergreifen, treten Land/Gemeinde als Immobiliengesellschaft (auch Hausverwaltung) auf mit kostengünstigen Angeboten. Das Konzept Eigenheim dagegen ist konventionell und streng altmodisch, soll das moderne zukünftige Wohnen und Leben funktionieren. In der Alltagssituation bedeutet alternatives Wohnen Engagement und Selbstorganisation im Gegensatz zum Konsumangebot in den eigenen vier Wänden, wo ich ohne Rücksicht auf andere jederzeit auf eine Unmenge von Produkten in meinem Raum wie Fernsehen, Radio, PC, Handy, zugreifen kann. Gegen diese Privatheit wäre nichts einzuwenden, wenn es außer dieser Lebensweise auch noch Wohnmodelle gäbe, in denen die Vorzüge der Gemeinschaft gelebt werden könnten. Wieviel fantasievoller und lebendiger wäre das Bild einer Gesellschaft, welche sich auf neue Lebens- und Wohnmodelle einlässt? Die Dorfzentren im Vinschgau und die aufgelassenen Kasernenareale mit großzügigen Räumen mitten unter hohen alten Bäumen bieten sich für derartige Wohnmodelle geradezu an.

Erfolgsmodell Sargfabrik in Wien    
Österreichs größtes selbstverwaltetes Wohn- und Kulturprojekt, die Sargfabrik (ehemalige Sargtischlerei der Donaumonarchie) wurde 1996 auf einem aufgelassenen Fabrikareal errichtet und gilt als bekanntestes und ältestes Beispiel für integratives Wohnen mit Jazzkeller, Badehaus, Restaurant und Café. Ziel dieses Wohnmodells war und ist es, die am Wohnungsmarkt benachteiligten Personengruppen, wie beispielsweise Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Senioren, in eine Gemeinschaft zu integrieren, die auf einer gegenseitigen Unterstützung basiert. Das Wohnmodell war so erfolgreich, dass vier Jahre später, die „Miss-Sargfabrik“ in der unmittelbaren Nachbarschaft fertig gestellt wurde und diese beiden Modelle den gesamten Bezirk mit neuem Leben füllten. Ein anderes erfolgreiches Cohousingmodel auf dem Lande ist in Gänserndorf, in der Nähe von Wien: Wohngemeinschaften für Senioren, Seniorendörfer. (2) Senioren altern „anders“ als früher, bleiben viel länger aktiv und fit und suchen nach neuen Wohnformen. Sie wollen sich im Alter nicht abkapseln, sondern generationenübergreifend ihren Lebensabend gestalten. Langzeitresidenzen und Wohngemeinschaften für Senioren(-touristen) würden die Dorfzentren im Vinschgau neu beleben. In jüngster Zeit erfreuen sich sogenannte Seniorendörfer, in Deutschland und den Niederlanden, großer Beliebtheit. Selbstverständlich muss man dann auch die Grundversorgung im Umkreis von 500m garantieren und Freizeitaktivitäten (Markt, Café, und/oder Hallenbad) für alle erschließen, als reines Tourismusprodukt wird dieses Projekt nicht funktionieren.

(2) „Altern in der Industriegesellschaft hieß, langsam nichts mehr zu kapieren. Altern in der Zukunft bedeutet, langsam zu begreifen, wie es geht. Dass wir in Zukunft immer länger leben können, ist eine der großen Errungenschaften der Zivilisation. Diesen Prozess als „Vergreisung” zu denunzieren heißt, ihn nicht verstanden zu haben. Wir bleiben, während wir älter werden, immer länger jünger. Allerdings müssen wir etwas dafür tun!“’ Matthias Horx

(1) Eine Genossenschaftswohnung bezeichnet eine von einem gemeinnützigen Bauträger (Gemeinnützige Bauvereinigung, Wohnungsbaugenossenschaft) errichtete Mietwohnung oder Eigentumswohnung (-mit einem geringen Anteil an Eigenkapital, welches jedoch jederzeit veräußert werden kann), die fast immer durch öffentliche Hand (in Österreich: Länder) gefördert wird. Die rechtliche Situation von Genossen, die eine Wohnung nutzen, weicht nur geringfügig vom normalen Mietrecht ab. Die Nutzungsverträge werden inhaltlich als Mietverträge behandelt. Stirbt ein Mitglied, gehen die Mitgliedschaft und das Nutzungsrecht der Wohnung auf seine Erben über.

Verfasser / in:

Frieda B. Seissl

Datum:

So. 14/04/2013

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Der zweite Teil des Essays "Geschäft mit der Sehnsucht" von Frieda B. Seissl ist erstmalig am 30.05.2012 in der Zeitung Vinschgerwind des Bezirks Vinschgau erschienen und wurde uns freundlicherweise zur Wiederveröffentlichung in der Reihe "Im Fokus: Wohnbau"auf gat.st  überlassen.

Frieda B. Seissl ist Redakteurin bei der Zeitung Vinschgerwind.

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