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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Der Mittagstisch oder Umgang mit Gedächtnis

So geht es am Mittagstisch beim Reden manchmal zu: bei der Nudelsuppe gilt Conrad von Hötzendorf als Kriegsverbrecher, und dass in Graz eine Straße nach ihm benannt ist, sei eine Ungeheuerlichkeit. 
„Ist das nicht aus der Zeit zu verstehen, in der man dies anders bewertet hat?“
„Nein. Er hat eindeutig gegen die damals gültige Haager Kriegsordnung verstoßen. Kannst du mir bitte den Salzstreuer geben? Danke! Hötzendorf war einfach ein Verbrecher. Und die Namensgeber der Straße waren sich dessen bewusst. Will noch wer nachsalzen?“ Der Nachwuchs spricht also vollmundig, aber er kann argumentieren. 

Das nächste Thema ist Erziehung. Meine These: Man muss streng und konsequent sein, aber man muss gut wissen, wann man wegschaut. Spätestens beim Tafelspitz werde ich erkennen, dass meine These in der alltäglichen Praxis nur bei erzogenen Kindern gilt. Und dann wird man – Themawechsel – sehen, dass eine der inzwischen erwachsenen Töchter manche Ereignisse anders im Gedächtnis hat als ihre Eltern. Hat sie Psychologie studiert, um ihre Eltern besser zu verstehen? Man ist in der Tischrunde jedenfalls erstaunt, wie widersprüchlich Ereignisse interpretiert werden können. 

Das führt zur Debatte, ob man das Gedächtnis korrigieren könne. Nun der Apfelkren, auf den sich alle freuen, bis auf die kleinen Kinder, denen er zu scharf ist, und geröstete Erdäpfel, die auch Kindern schmecken. Ferner die Frage: wie geht man vernünftig mit verschiedenen Erinnerungen und Deutungen um, mit Fehlern und Diskrepanzen? Dazu erzählt ein anderes erwachsenes Kind, das Geschichte studiert hat und nun Mitarbeiter des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs ist: Man bekennt sich dazu. 

Die folgende Erzählung ist ein Verneigen vor Dr. Hans Morgenstern, dem letzten Juden von St.Pölten. 1939 war seinen Eltern mit dem zweijährigen Kind gerade noch die Flucht nach Palästina gelungen. Nach dem Krieg kehrten sie, zur Verblüffung vieler, in ihre Heimatstadt zurück. Der kleine Hans wird Medizin studieren und sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde St. Pöltens befassen. Er wird biografische Daten zusammentragen, mühsam recherchieren und forschen, er wird ein Buch schreiben und sich für die Restaurierung der Synagoge einsetzen – wo heute das von Martha Keil geleitete Institut untergebracht ist. An deren Wand 1992 wird er vier große Marmortafeln anbringen: „Zum Gedenken an die St. Pöltener Opfer der Judenverfolgung 1938 – 1945“. Namen, Namen, Namen, von Abraham bis Zappert, eine schaurig lange Aufzählung. 

Dann, wir sind beim Apfelstudel, hören wir: jüngste Forschungen haben ergeben, dass einiges in dieser Aufzählung nicht gesichert und nicht belegbar ist. Einige Namen sind falsch geschrieben, einige der Angeführten haben die Shoah überlebt, gehören nicht auf die steinerne Liste, bei einigen ist das Schicksal ungewiss. Daraus ergab sich die alte Frage: Was tun? Korrekturen in den Marmor zu meißeln wäre undenkbar. Die Steine selbst sind würdevolle Dokumente eines Kraftakts, der nichts als Hochachtung verdient. Zugleich dokumentieren sie die Schwierigkeiten der Recherchen auf einem manchmal ungesicherten Terrain – eben Leben und Sterben. „Oft heißt es zu diesem Thema, wir wüßten eh alles. Das ist falsch. Wir wissen nicht alles“ sagt der Historiker und wischt seinem Kind den Mund ab. Die Lösung, die man in St.Pölten fand: Das Institut brachte eine weitere Tafel an. „Nach aktuellem Forschungsstand sind einige Einträge zu korrigieren.“ Samt den Korrekturen.

Es duftet nach Kaffee, die Kinder dürfen aufstehen und toben herum, als  angemerkt wird, es könnte durchaus sein, dass nach einigen Jahren auch die Korrekturen korrigiert werden müssten. Das erheitert nicht nur den Historiker. Irgendwann ist die Welt mit Korrekturen der Korrekturen der Korrekturen zugepflastert. Dieses Bild erscheint uns als Symbol der Geschichte – und des Lebens überhaupt. Und wir danken der Hausherrin, sie ist studierte Soziologin, für das wieder einmal vorzügliche Mahl.

PS: Der am Mittagstisch nachgesalzen und die obige Geschichte erzählt hat, ist Benjamin Grilj. Er stellt am 27. Jänner – dem Holocaust-Gedenktag – im Pavelhaus zu Laafeld bei Radkersburg sein Buch vor. Schwarze Milch – Zurückgehaltene Briefe aus den Todeslagern Transnistriens. Es hat mehr als tausend Seiten und wurde bei Erscheinen von der FAZ schlicht als „Sensation“ bezeichnet.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 17/01/2017

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Privatissimum vom Grilj

Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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