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Kommentar
Sanierungsoffensive 2011 - Förderung zeitgemäßer Sanierung?

Am 14. Juli 2011 wurde von der Steiermärkischen Landesregierung die „Sanierungsoffensive 2011 - Vor-Ort-Beratungsaktion“ beschlossen. Sie ist Teil der Energiestrategie 2025. Nach den dort formulierten Zielen sollen in der Steiermark künftig drei bis fünf Prozent aller sanierungsbedürftigen Gebäude thermisch auf Vordermann gebracht werden, derzeit ist es nur ein Prozent. Durch derartige Baumaßnahmen könnte man bis zu 50 Prozent des Energiebedarfs einsparen, heißt es in einer Aussendung des Landes Steiermark.
Mit einer Vor-Ort-Beratungsaktion sollen ein bestmöglicher Energieeinsatz erzielt und Fehler bereits in der Bauphase vermieden werden. Konkret erhält der Bauwerber ein Gesamtsanierungskonzept, wird bei der Einreichung von Förderungsunterlagen unterstützt und bei einem Abschlussgespräch über alle wesentlichen Fakten informiert. Die Beratung erfolgt nach einheitlich festgelegten Grundlagen, die von der ARGE Energieberatung anerkannt wurden. Auf Antrag des Landesenergiereferenten, Landeshauptmann-Stv. Siegfried Schrittwieser, beschloss die Steiermärkische Landesregierung 190.000 Euro als Förderung freizugeben. Diese wurde im Einzelfall mit maximal 70 Prozent der Beratungskosten oder 380 € festgelegt.

Der Bund schüttet im Jahr 2011 gar 100 Millionen Euro an Förderungen für thermische Gebäudesanierung aus, bis Ende 2014 weitere 300 Millionen. Davon werden 70 Millionen Euro pro Jahr für den privaten Wohnbau bereitgestellt. Unter die förderungswürdigen thermischen Sanierungsmaßnahmen fallen die Dämmung von Außenwänden, obersten Geschoßdecken bzw. des Daches, untersten Geschoßdecken bzw. Kellerböden sowie die Sanierung bzw. der Austausch von Fenstern und Außentüren, seit 2011 auch die Einbindung von thermischen Solaranlage in das bestehende Heizungssystem, der Umstieg auf Holzzentralheizungsgeräte und der Einbau von Wärmepumpen.

Energetische Sanierung ohne Rücksicht auf Verluste
Die ArchitektInnenschaft und innovative EnergieexpertInnen kritisieren seit Längerem das exzessive Dämmen von Außenbauteilen mit Vollwäremschutz zur Erreichung bauphysikalischer Kennwerte ohne dass dabei auf die architektonische Gesamtwirkung eines Esembles Rücksicht genommen wird. Dass ArchitektInnen als ExpertInnen mit ihrem Fachwissens aber oftmals keine entsprechende Wertschätzung erfahren, zeigte im März 2011 die parlamentarische Klubenquete zum Thema "Zukunftsinvestitionen in Umwelt, Bauen und Wohnen", bei der es um "brennende Fragen zu Umwelt, Nachhaltigkeit und Wohnungsversorgung" ging. Nur auf massiven Druck der Plattform Architekturpolitik und Baukultur ist es im letzten Moment gelungen, dass Architekten auf die ReferentInnenliste gesetzt wurden und diese sich somit doch noch Gehör verschaffen konnten. Sehr wohl eingeladen waren Vertreter der Dämmstoffindustrie.

In einem Interview auf „energie-bau.at“ mit dem Titel „Dämmstoff-Orgien: das ist kultureller Selbstmord“ beklagt Arch. DI Peter Kompolschek, der Bundesvorsitzende der ArchitektInnen, dass bei energetischen Sanierungen viel zu wenig auf gestalterische Kriterien Rücksicht genommen werde. Täglich müsse er mitansehen, wie architektonische Qualität verloren geht, weil bei Sanierungen lediglich auf U-Werte und kaum auf die Architektur Wert gelegt wird. „Ich stelle fest, dass gestalterisch nicht sehr gebildete Sanierungsexperten die Gebäude entstellen. Was vorher ein interessantes Gebäude der 60er oder 70er-Jahre war, mit klarer Formen- und beispielsweise dunkler Farbsprache, wird plötzlich eine beige Schuhschachtel. Was hier in Österreich passiert, halte ich für einen kulturellen Selbstmord“, so Kompolschek in dem Gespräch. Schuld sei, dass in Österreich vielfach die Bauanzeige reicht, während Kompolschek auf die Einbeziehung von Architekten pocht – was im Weg des Bauverfahrens abzuwickeln wäre. Kompolschek hat diese Bedenken nun auch in einem offenen Brief veröffentlicht, um eine Diskussion anzustoßen (zu Interview und offenem Brief gelangen Sie über den Link am Ende dieser Seite).

Für Fritz Binder-Krieglstein (Energieexperte und Inhaber der Firma Renewable Energie Consulting, Mödling) ist ein Umdenken längst überfällig. Die Zukunft im Baubereich liege in der Nutzung natürlicher Ressourcen. Photovoltaikanlagen, mit hohen technischen Standards und umweltschonend produziert, würden in naher Zukunft derart kostengünstig sein, dass sie sich so gut wie jeder leisten könne, sowohl für den Einsatz im Hochbau als auch im KFZ-Bereich. Das unverhältnismäßige Dämmen von Außenbauteilen gehöre dann vermutlich der Vergangenheit an, weil günstige Technik und kostenlose Sonnenenergie den Wärmeverlust von Gebäuden wettmachen. Vor allem der Gestalt von bauhistorisch wertvollen Gebäuden wird dies zugute kommen.

Mit der Förderung des unmäßigen Häuserdämmens setzt die öffentliche Hand offensichtlich auf eine nicht mehr zeitgemäße Sanierungsmaßnahme. Dies sollte der Politik endlich klar werden.

Verfasser / in:

Michaela Wambacher

Datum:

Fr. 15/07/2011

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