Prekär_Land: Obdach
©: TU Graz - Institut für Wohnbau

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Bericht
Temporär Wohnen: Prekär_Land: Obdach
Zum Impulstag des Instituts für Wohnbau der TU Graz im HDA

Die einst so vertraute (?) Kategorie Land hat sich zusammen mit seiner besseren dichotomischen Hälfte Stadt im globalen Kontext zu einem gemeinsamen, mehrdimensionalen Kontinuum entwickelt, in dem ländlich/städtisch nur noch als Pole gesehen werden können, die von subjektiven und objektiven Faktoren bestimmt werden und die eigentlich nur mehr als Referenz für den anderen Begriff gültig sind: keine Stadt ohne Land.
Was bleibt dem ländlichen Raum aber eigentlich noch? Ist er „komplementärer Restraum “ zwischen den wachsenden Metropolregionen und den Ballungszentren oder Realvorlage für Hochglanzmagazine über das „einfache Landleben“ oder ist Land als Wohnort nur mehr Kulisse für eine zu keiner Zeit tatsächlich existente sozialromantische Utopie eines heilen Familienlebens (mit viel frischer Luft) innerhalb eines sich beschleunigenden sozialen Wandels?

Dazu passend sind die weiteren angesteuerten Schwerpunkte - temporär und prekär – zudem scheinbar urbane Begriffe; in der Stadt findet man im Leben wie im Wohnen das eine wie das andere, ohne lange suchen zu müssen. Im ländlichen Raum haben beide Bezeichnungen – vor allem im Zusammenhang mit Wohnraum – aber eine gänzlich andere Ausformung erfahren. Deren Ursachen, Auswirkungen, Möglichkeiten und Chancen will das Institut für Wohnbau (i_w) im  Sommersemester 2014 nachspüren. Im Fokus steht dabei die Marktgemeinde Obdach, die trotz und auch aufgrund ihrer komplexen Individualität als Beispiel für strukturelle Veränderungen infolge der veränderten wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen in ländlichen Regionen dient.

Als traditioneller Start ins Sommersemester wurde deshalb am 6. März 2014 im Grazer HDA ein Impulstag zu prekär_land: Obdach veranstaltet, zu dem Studenten der TU Graz wie auch Bewohner der Marktgemeinde Obdach geladen waren.

Andreas Lichtblau (i_w) eröffnete mit einer grundlegenden thematischen Einführung über die Schwierigkeiten der peripheren Regionen abseits der Zentren: Schrumpfung, Verlust von Arbeitsplätzen, Abwanderung, drohender Leerstand, Überalterung. Der kulturgeschichtliche Blick von Monika Keplinger (i_w) zielte auf die unterschiedlichen Bedeutungen des ländlichen Raums als Abwanderungs- und (utopischen?) Sehnsuchtsort zugleich und verfolgte behutsam die Bruchlinie, die zwischen dem selbst gewählten, „einfachen“ Leben auf dem Land und den von materieller Not diktierten Lebensverhältnissen klafft. Die Sichtweise der Ethnografie verbindet Manfred Ohmana (Institut für Stadt- und Baugeschichte) mit dem Arbeitsverständnis von Architekten zu „theoriegeleiteten Projekten“: Versteckte oder vergessene Handlungspotenziale und Ressourcen werden durch die kulturwissenschaftliche Analyse wieder sichtbar und vor allem nutzbar gemacht. Martin Fruhmann (Diplomand am i_w) betonte die Relevanz der zentralen Lagen (äußere Erschließung), wie auch der verdichteten Bebauung (innere Erschließung) für die Diskussion der Problematik über Streusiedlungen versus aussterbende Ortskerne: Jenseits von ästhetischer oder moralisierender Kritik und ohne lifestylefragen zu bemühen, lässt sich Zersiedelung auch ganz emotionslos durch Kostenfaktoren darstellen. Soziologe Rainer Rosegger (Agentur scan, Lehrauftrag am i_w) zeigte anhand der preisgekrönten Interventionen in Eisenerz, welche Veränderungen möglich sind, wenn man die Ressourcen zu nutzen versteht: Leerstehende Räume verwandeln sich in flexible Unterkünfte, Graffiti auf deprimierend leeren Plakatwänden werden zu Kunstobjekten, kurzfristige Fassadenänderungen schaffen neue Perpektiven und ändern den Blickwinkel auf die eigene Stadt.

Im zweiten Themenblock stellte Bürgermeister Peter Köstenberger die Marktgemeinde Obdach vor, ihre Geschichte, die wirtschaftsgeografischen Zusammenhänge der Region, die Probleme, aber auch die Entwicklungsmöglichkeiten. Zusätzlich erläuterte er, stellvertretend für den Bürgerschaftsobmann Günther Rieger, die Spezifika der Agrargemeinschaft „Obdacher Bürgerschaft“, die gemeinsam über bestimmte Nutzungs- und Besitzrechte an Grund und Boden, aber auch an Liegenschaften verfügt und sich rechtshistorisch auf das Prinzip der mittelalterlichen Allmende zurückführen lässt. Martina Decrinis forderte als Vertreterin der Initiative Obdach schlussendlich „Rettet den Markt“, zunächst als Reaktion auf ein geplantes Einkaufzentrum auf grüner Wiese. Mittlerweile hat sich die erfolgreiche einstige „Spontanaktion“ zu einer bleibenden Einrichtung einer engagierten Gruppe entwickelt, die gemeinsam nach Lösungen für Probleme wie Zersiedelung, Nutzung von Leerständen, Umgang mit Grünflächen oder Auswirkungen des allgemeinen Strukturwandels sucht. Beide Vorträge und auch die anschließende Diskussion signalisierten gespannte Erwartung auf Ideen, Visionen, Strategien und Konzepte, die Architektur(studenten) in eine Gemeinde wie Obdach einbringen kann (können).

Verfasser / in:

Sigrid Verhovsek

Datum:

Fr. 21/03/2014

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Kommentare

Retten den Markt

Zu dieser Lustigen Initiative möchte ich nur folgendes sagen:

Wenn die Leute schon Ihren Markt retten wollen sollen sie auch dort Einkaufen gehen.
Sobald es ein tolles Angebot vom Hofer, usw. gibt sieht man diese Leute plötzlich dort einkaufen.
Irgendwie komisch wenn Sie doch den Markt retten wollen!

Infobox

Lehrende und Studierende der TU Graz erörterten am 6. März 2014 im HDA Graz gemeinsam mit VertreterInnen und BewohnerInnen der Marktgemeinde Obdach die Probleme ländlicher Räume.

Kommunikation mit Obdach
Das Institut für Wohnbau der TU Graz hat zur direkten Kommunikation mit Obdach die Plattform obdach forum eingerichtet. Sie wird in Kürze auch die Arbeiten der Studierenden präsentieren und lädt ein, diese zu kommentieren.

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