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Hauptbrücke, 1887 (der Junge in der Bildmitte)
Foto: Leopold Bude, ©: Sammlung GrazMuseum

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Kolumne
Wolkenschaufler _ 05

Er hat gelebt …

In seinem letzten Buch, La chambre claire: note sur la photographie, versuchte Roland Barthes, das Wesen der „PHOTOGRAPHIE“ zu ergründen. Nachdem seine Mutter gestorben war, suchte er in seinen Beständen zunächst nach Fotografien, die seinen Erinnerungen an die Verstorbene nah kommen sollten. Seinen Wunsch konnten die gefundenen Bilder nur bedingt erfüllen, und so folgte Barthes in der Zeit vom 15. April bis zum 3. Juni 1979 (1) darüber hinaus anderen Spuren fotografischer Aufnahmen.

Während der Ausstellung Verschwundenes Graz. Leopold Budes „Häuser-Aufnahmen“ 1863-1912 im GrazMuseum machte mich meine Frau auf ein in mehreren Aufnahmen beobachtetes Detail aufmerksam. Ihr war ein junger Mann – ein Bub eigentlich – aufgefallen, der in den Bildern mehrerer Orte, aufgenommen zu verschiedenen Zeiten, zu sehen ist.
Leopold Bude, 1840 in Wien geboren, kam 1862 nach Graz und eröffnete im folgenden Jahr sein erstes Atelier. Das Ehepaar Anna und Leopold Bude hatte keine eigenen Kinder, adoptierte in den Jahren 1891 und 1899 aber zwei Mädchen, Auguste und Marie. Bude hatte jedenfalls keinen Sohn.
Als Fotograf für Porträts und Stadtansichten war Bude inzwischen arriviert. Eindeutige Belege um einen Auftrag wurden zwar nicht gefunden, allerdings vermuten die Autoren Barbara Schaukal und Heinrich Kranzelbinder (2), dass den „Häuser-Aufnahmen“ eine Initiative des Historischen Vereins für Steiermark aus dem 1886 zugrunde liegt. Bude fotografierte also „in Erwägung der rasch fortschreitenden Bauentwicklung der Stadt Graz“ vor allem an der Peripherie den demnächst abzubrechenden Bestand, um ihn „dem Gedächtnisse der Nachwelt“, wie es der Historische Verein formulierte, zu erhalten.
Dem Aufnahmeverfahren mit Plattenkamera geschuldet ist dabei das Phänomen, dass bewegte Objekte respektive Menschen aufgrund langer Belichtungszeiten entweder nicht im Bild erscheinen beziehungsweise nur schemenhaft, bei genauer Ansicht der Originale wahrzunehmen, jedenfalls nicht zu erkennen sind. Man denkt an Geister. Unter denen, die sich, vermutlich infolge der Inszenierung des Fotografen, ruhig verhielten und deshalb zu sehen sind, befindet sich immer wieder dieser Junge. Über seine meist selbstbewusste Haltung wird er für mich erkennbar. Ihn mehrmals in verschiedenen Bildern zu finden, erinnert mich an jenen gemeinen Effekt der Fotografie, nachdem wir – allein auf das Foto als Dokument angewiesen – nichts über die Identität über das Leben dieses damals jungen Mannes erfahren werden. Wer war er? Manchmal hält er ein helles Bündel unter dem Arm. War er Budes Gehilfe? Entsprechend seiner Haltung ist zu vermuten, dass er um die Schwierigkeiten des Aufnahmeverfahrens Bescheid wusste er und um die Zeit, die es galt, für eine weitere „PHOTOGRAPHIE“ still zu halten. Hat er vielleicht noch geraume Zeit für Bude gearbeitet? Als Lehrling, der später selbst Fotograf geworden sein mag? Wie lange hat er wie gelebt?

Dem Semiotiker Roland Barthes war mit seinen Überlegungen zur PHOTOGRAPHIE nicht an der Praxis des Abbildens mittels eines technischen Apparates gelegen, vielmehr ging es um das Bild, das wahrgenommen und angesehen werden will. „… was die PHOTOGRAPHIE endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existentiell nie mehr wird wiederholen können“.
1929 hatte André Kertesz in einer Pariser Schulklasse einen etwa sechsjährigen Jungen fotografiert. Die Abbildung ist bei Barthes mit 1931 datiert, wahrscheinlich ist das Foto aber schon 1929 entstanden. Im Netz finden wir dazu den Titel My Friend Ernest. „Das Datum ist Teil des Photos: nicht weil es auf einen bestimmten Stil hinweist“, schreibt der Autor 1979, „sondern weil es aufmerken, das Leben, den Tod, das unausweichliche Verschwinden der Generationen überdenken läßt: es ist möglich, daß Ernest, der kleine Schüler, den Kertész 1931 [sic.] photographiert hat, heute noch lebt (doch wo? wie? welch ein Roman!)“.
Im Fall des Jungen in den Fotografien Budes bleibt dagegen allein die Gewissheit, dass es inzwischen unmöglich ist, seinem Bild auch eine Biografie beizugeben. Vilém Flusser war der Ansicht, die „Maschine“ Fotografie sei in der Lage, Bilder aus dem „Strom der Ereignisse“ festzuhalten. Diese Bilder wären somit Dokumente der Begebenheiten auf einer Metaebene und belegten, deutlicher noch und unmissverständlicher als die Schrift, den Verlauf der Geschichte. – Der Junge in Budes Bildern, der gelebt hat, ist dagegen aus aller Geschichte verschwunden.

Einen von Barthes angedeuteten Roman könnte W. G. Sebald 2001 geschrieben haben: Austerlitz (3) ist die Erzählung um die Suche nach der Identität eines jüdischen Flüchtlings. Věra zeigt dem Protagonisten darin ein altes Foto – Austerlitz als Kind, verkleidet als Page –, und sie spricht von dem „Unergründlichen, das solchen aus der Vergessenheit aufgetauchten Photographien zu eigen sei. Man habe den Eindruck, sagte sie, es rühre sich etwas in ihnen, als vernehme man kleine Verzweiflungssäufzer, […] als hätten die Bilder selbst ein Gedächtnis und erinnerten sich an uns, daran, wie wir, die Überlebenden, und diejenigen, die nicht mehr unter uns weilen, vordem gewesen sind“. Die Fotografien in diesem Buch sind zwar historisch, aber anonym, die Erzählung ist fiktiv.

Mit Dank für Hinweis, inhaltliche Unterstützung und Reproduktion der Fotografien an Katharina Gabalier, GrazMuseum.

   (1)  Vgl. Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt a. M. 1989 (Paris 1980).
   (2)  Vgl. http://www.archivundfotografie.at
   (3)  W. G. Sebald: Austerlitz. München 2001

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Di. 12/12/2017

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ein junger Mann, der immer wieder in Leopold Budes fotografischen Dokumentationen von Graz auftaucht und von dem jede Spur fehlt.

Die Kolumne Wolkenschaufler – Bemerkungen zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) von Wenzel Mraček – erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT.

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