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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Was bisher geschah:
Dann ruft Peter Weibel an:
ich solle irgendetwas tippen,
das irgendwie mit Sesseln zu
tun hätte. Es sollte ein Buch
werden – Ralph Schilcher zu
Ehren. Mache ich natürlich.
Ehren zu dürfen ist eine Ehre.

Längst Vergangenes im Präsens

Damals im Holzhaus in Moskau, draußen drückend heiß, stand ich in angenehmer Kühle vor dem Schreibtisch Tolstojs, mein andächtiges Atmen. Der Graf war kurzsichtig, deshalb hatte er die Beine seines Sessels kürzen lassen. Er saß, wenn er schieb, wie ein Kind, das schreiben lernt, die dicke Nase eine Handbreit über Krieg und Frieden.

Seit Bhagwan tot ist, ansprechbar nur virtuell, nur in den Wellen des Gebets, versammeln und sammeln sich seine Jünger jeden Abend vor dem verlassenen Sessel des Meisters und reißen ihre Arme hoch. Sie wissen, was sie tun. Und wenn sie es nicht wissen, macht das keinen Unterschied.

Ich nehme Platz und lehne mich zurück, strecke die Beine aus, schließe die Augen. In diesem Sessel ist eine Frau gestorben, der ich dabei zugesehen habe. Sie war, damit sie sich im Todeskampf nicht zu Boden werfe, mit breiten Tüchern festgebunden. Sie zog im Sterben ihre Beine heftig an (vielmehr: sie wurden heftig angezogen) und riss den Kopf zurück (vielmehr: er wurde zurückgerissen), in die hinter ihr verstauten Pölster. Ihr letzter Blick galt mir, und ich dachte: Noch immer soviel Blau in diesem Leben.

Das erste Bild der erfolgreichen sandinistischen Revolution, 1979 in Nicaragua: Ein unrasierter Kerl lümmelt mit der kindlichen Frechheit des Siegers im Sessel des gestürzten Somoza, hat die Stiefel auf den Schreibtisch des Diktators geknallt und zeigt, was zu zeigen ist. So ist es dann auch geworden.

Am Nil, es war in der Morgenkühle, hockte ein Greis und kochte auf offenem Feuer seinen Tee. Als ich vorübertrottete, lud eine Geste mich ein, die Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft. Wir tranken, wir nickten einander zu, dann kam der Tausch der Zigaretten, dann kam die Gabe des Feuers.

Damals, es war Nacht oder Morgen, streckten in den dreckigen Scheiben des Beisels die Stühle allesamt die Beine in die Höhe und hatten vor der Zeit kapituliert. Der Wirt winkte den Einsamen herein, errichtete ihm aus dem Handgelenk einen Thron des Willkommens und sagte: „Äch!“

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Tue 20/11/2018

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